Was ist Bob Avakians neue Synthese?

Eine erneuerte Vision von Revolution und Kommunismus:

Was ist

Bob Avakians neue Synthese?

[Dieser Text basiert auf einer Rede, die in der Zeitung Revolution (#129, 18. Mai 2008) veröffentlicht wurde. Siehe http://www.revcom.us]

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 Teil I: „Die Menschheit braucht Revolution und Kommunismus”

Wir sprechen heute über Bob Avakians neue Synthese von einer erneuerten Vision der Revolution und des Kommunismus. Um uns in dieses Thema vertiefen zu können, müssen wir zunächst einmal darüber sprechen, warum wir Revolution und Kommunismus eigentlich brauchen.

Am 7. Januar 2005 wurde Oury Jalloh, ein Asylsuchender aus Sierra Leon, bei einer Personenkontrolle in Dessau in so genanntes Gewahrsam genommen, durchsucht und in einer Zelle eingesperrt. Oury wurde am Boden liegend an den Händen und Füßen mit Handschellen „fixiert“. Zehn Minuten nach einer Zellenkontrolle fing die Matratze, auf der Oury im Prinzip festgebunden war, Feuer. Oury Jalloh starb in den Flammen einen schrecklichen Tod. Sein Leiche wurde vollständig verkohlt. Der Staatsanwalt behauptete, dass die Beamten den mehrfach ausgelösten Feueralarm angeblich nicht bemerkt hatten und dass Oury selbst das Feuer gelegt haben könnte, indem er ein Feuerzeug, das bei der Durchsuchung übersehen worden sei, aus seiner Hosentasche zog und die Matratze in Flammen setzte. Nicht nur waren Oury’s Hände „fixiert“, sondern auch hatte die Matratze einen feuerfesten Überzug, der überhaupt nicht mit einem einfachen Feuerzeug in Flammen zu setzen war. Dennoch sah der Staatsanwalt keinen Anlass, die anwesenden Polizisten des absichtlichen Handelns zu verdächtigen. Es gab einen Prozess wegen Körperverletzung mit Todesfolge bzw. fahrlässiger Tötung. Am 8. Dezember 2008, nach 59 Prozesstagen, bei denen sich die Bullen gegenseitig deckten bzw. eine Erinnerungslücke nach der anderen entdeckten und sich am laufenden Band widersprachen, wurden die drei angeklagten Bullen freigesprochen.

Obwohl inzwischen der Bundesgerichtshof das Urteil aufgehoben und einen neuen Prozess angeordnet hat, welche Art von System begeht solche Verbrechen?

Am 4. September 2009 ordnete der Bundeswehr-Oberst Klein – vom seinen Bunker auf einem Bundeswehrstutzpunkt aus – einen Luftangriff auf zwei von den Taliban entführte Tanklaster in der Nähe von Kundus in Afghanistan an. Um die US-amerikanischen Piloten zu diesem Bombenabwurf zu bewegen, log Oberst Klein diese mehrfach an. Er behauptete, dass Soldaten der Bundeswehr in einem Feuergefecht mit den Taliban verwickelt wären, obwohl sich in Wirklichkeit kein deutscher Soldat im 10-Kilometer-Umkreis von den Tanklastern befand. Der Vorschlag der US-Piloten einen Tiefflug zu starten, um Zivilisten von den Tanklastern zu verscheuchen, wurde von Klein ausgeschlagen. Oberst Klein wollte 6 Bomben abwerfen lassen. Die US-Piloten waren bereit, nur 2 Bomben loszulassen. Dennoch starben mindestens 142 Menschen bei diesem Angriff – die meisten davon Zivilisten, inklusive vieler Jugendlicher und sogar Kinder. Inzwischen sind alle Ermittlungen gegen Oberst Klein eingestellt worden, denn der zuständige Staatsanwalt hat festgestellt, dass Oberst Kleins Handlungen angeblich rechtmäßig waren.

Eine Armee ist eine Widerspiegelung der Gesellschaft, die sie hervorbringt. Welche Art von Gesellschaft bringt eine Armee hervor, die auf diese Art und Weise kämpft?

Schau diese globalisierte – angeblich bestmögliche – Welt an. Sprich mit den Familien der 150.000 Bauern in Indien, die, nachdem sie vom globalen Kapitalismus in den Ruin getrieben wurden, sich das Leben genommen haben, oft indem sie Schädlingsbekämpfungsmittel tranken. Geh nach Angola in Afrika, wo, um aus einem New York Times-Artikel zu zitieren, „Kinder, die bis auf die Unterwäsche nackt sind, in von Abwässern verstopften Bächen umhertanzen und auf aus Metallabfällen gebauten Schlitten Müllhalden runterrutschen, um in mit Scheiße verschmutzten Pfützen zu landen“, während gleichzeitig Ölmanager in ihren Privatjets ein- und ausreisen, um in Luxushotels ihre Geschäfte abzuschließen.[i] Mach halt in Osteuropa, wo jedes Jahr Tausende von Frauen entführt und zu Sex-Sklavinnen für denselben globalen Markt gemacht werden.[ii] Dann fahre weiter nach Mexiko und besuche die Familie von irgendeinem der 400 Männer und Frauen, die jedes Jahr dabei verdursten, wenn sie in der verzweifelten Suche nach Arbeit die Wüste von Arizona zu überqueren versuchen.[iii] Denk über all diese Menschen nach und dann erklär mir – erzähle ihnen – erkläre Dir selbst – dass diese Welt nicht grundlegend verändert werden braucht, und zwar von Grund auf. Erzähl mir, dass diese Welt keine Revolution braucht.

Doch dann kommt die Frage auf: Kann es TATSÄCHLICH eine Revolution geben, die die Dinge wirklich verändern würde? Haben Leute das nicht schon versucht – und sind sie nicht damit gescheitert? Und selbst wenn eine Revolution all dies verändern könnte, wie könnten wir sie jemals in einem Land wie diesem machen?

Diese Fragen haben im Zentrum der Arbeit von Bob Avakian gestanden – die wir als die neue Synthese bezeichnen – und diesen Fragen werden wir uns heute widmen. Offensichtlich können wir Bob Avakians gesamte Arbeit von über 30 Jahren nicht in einem Vortrag umfassend behandeln. Doch hoffen wir, einen Umriss darlegen zu können, von einer ganz neuen Art der Herangehensweise an die Frage der menschlichen Befreiung und der grundlegenden Veränderung, wobei auf dem Besten des Vorangegangenen aufgebaut wird, aber das alles auf eine ganz neue Stufe gehoben wird.

Also, gehen wir es an.

Eine neue Etappe der Revolution beginnen

Vor 160 Jahren erklärten Marx und Engels im Manifest der Kommunistischen Partei, dass die Arbeiter der Welt – das internationale Proletariat – nichts als ihre Ketten zu verlieren und eine Welt zu gewinnen hätten. In diesem Manifest wurden die Grundsätze dieser bahnbrechenden Theorie dargelegt, die diesen Kampf leiten würde.

25 Jahre später kam es mit der Pariser Kommune zum ersten, kurzen Versuch einer proletarischen Revolution; und annähernd 50 Jahre danach kam es mit der Oktoberrevolution in Russland und der Gründung der Sowjetunion unter der Führung Lenins und nach Lenins Tod Stalins zum ersten wirklichen Durchbruch – der ersten wirklich befestigten sozialistischen Revolution. Dem folgte China, wo 1949 die Revolution an die Macht kam und wo 17 Jahre später der Führer dieser Revolution, Mao Tsetung, die Große Proletarische Kulturrevolution startete, eine Revolution innerhalb der Revolution. Sie zielte sowohl darauf, zu verhindern, dass China zurück zum Kapitalismus kehrte, als auch darauf, weiterhin tatsächlich in Richtung Kommunismus zu gehen.

Diese gesamte erste Etappe der kommunistischen Revolution ging 1976 zu Ende. Als Mao starb, kam es zu einem konterrevolutionären Putsch in China, bei dem diejenigen, die an der Seite Maos die Kulturrevolution angeführt hatten, inhaftiert und/oder hingerichtet wurden. Die Politik, gegen die sie so hartnäckig gekämpft hatten, wurde nunmehr verwirklicht und der Kapitalismus restauriert. Heute gibt es auf der Welt keine echten sozialistischen Länder. Menschen auf der ganzen Welt spüren diese Bürde jeden Tag und sie haben damit zu kämpfen – ob es ihnen nun bewusst ist oder nicht.

Also, angesichts alledem – wie vorwärts? Wie eine neue Etappe der Revolution beginnen? In ebendieser Situation hat Bob Avakian dabei geführt, um sowohl die monumentalen Errungenschaften dieser Revolutionen als auch die erhellenden Einsichten ihrer größten Denker und Führer zu verteidigen, aufrechtzuerhalten und auf ihnen aufzubauen. Doch er hat auch eine tief gehende Analyse von deren Fehlern und Mängel bei der Konzeption und Methode, die zu diesen Fehlern führten. Und auf dieser Basis hat er ein zusammenhängendes, umfassendes und weitreichendes theoretisches Gerüst geschmiedet – das heißt, eine Synthese. Während diese definitiv aus dem Vorherigen entstanden ist und auf ihm aufbaut, beinhaltet diese, als ein bedeutsames Element, echte Brüche mit dem früheren Verständnis und der früheren Erfahrung, weswegen wir von der neuen Synthesesprechen.

Heute werden wir dies in drei Bereichen diskutieren: Philosophie – oder wie wir die Welt verstehen; Politik, insbesondere, aber nicht beschränkt auf die politischen Konzeptionen, die die ersten Versuche des Aufbaus sozialistischer Gesellschaften und der Durchführung sozialistischer Umwandlung leiteten; und strategische Konzeption, wobei sich auf die Frage konzentriert wird, wie wir tatsächlich in einem Land wie diesem Revolution machen können.

Teil II: Eine Philosophie, um die Welt zu verstehen – und zu verändern.

Philosophie bedeutet eine mehr oder weniger ausgearbeitete Art und Weise, die Welt, die Natur, die menschliche Gesellschaft und sich selbst zu verstehen. Dieses Verständnis bestimmt das, was du meinst, was getan werden soll und getan werden kann.

Die Menschen, die sagen, dass sie keine Philosophie haben und nur das tun, was „funktioniert“; diese Menschen – ob sie es verstehen oder nicht – haben doch eine Philosophie, nämlich der Pragmatismus. Eine Philosophie, die die grundlegenden Wirkungsweisen und umfassenden Dynamiken der Welt verneint und daher nur Veränderungen am Rande des Bestehenden vorsehen kann.

Und wenn gesagt wird, dass alle Philosophien bloß „gesellschaftliche Konstrukte“ sind, die alle beim Erkennen der Wahrheit im gleichen Maße gültig oder ungültig sind; oder wenn sogar in Frage gestellt wird, dass es so etwas wie Wahrheit überhaupt gibt; nun, dann ist das auch eine Philosophie – die Philosophie des Relativismus – eine zurzeit sehr angesagte Philosophie. Leider, wenn auch zu erwarten, führt diese Philosophie zu einem Mangel an der notwendigen Überzeugung, um den allzu realen Verbrechen der Herrschenden entschlossen genug entgegenzutreten und diese tatsächlich zu bekämpfen und letztendlich die Herrschenden zu stürzen und das System vollständig zu überwinden.

Mit anderen Worten, Philosophie hat tatsächlich eine Bedeutung für das, was wir TUN.

Nun schließt auch der Kommunismus eine Philosophie mit ein. Und das Kernstück der neuen Synthese ist Bob Avakians Arbeit, um die philosophischen Grundlagen des Kommunismus kritisch zu hinterfragen bzw. zu analysieren – und diese Grundlagen auf eine vollständigere wissenschaftliche Basis zu stellen.

Um zu verstehen, inwiefern das der Fall ist, werden wir ein paar sehr komplexe Konzepte ansprechen müssen. Manche dieser Konzepte werden anfangs kompliziert und manch einem vielleicht wenig vertraut sein. Dennoch hoffen wir, dass alle dabei bleiben werden, denn all dies hat extrem wichtige Bedeutung für die „reale Welt“ und wir hoffen, dass dies Klarheit bringt.

Marx’ Durchbruch

Karl Marx und Friedrich Engels waren Schüler der von dem deutschen Philosophen Hegel entwickelten dialektischen Methode. Hegel hatte begriffen, dass sich alles in der Welt ständig verändert und entwickelt. Diese Entwicklung wird durch die widerstreitenden Kräfte vorangetrieben, die innerhalb eines jeden Phänomens und Prozesses sowohl koexistieren als auch gegeneinander kämpfen. Selbst wenn etwas als relativ stabil erscheint, gehen Kampf, Veränderung und Entwicklung nicht nur innerhalb dieses weiter, sondern sie verleihen diesem Phänomen oder Prozess seinen eigentlichen Charakter. Und Hegel legte dar, dass durch diesen Kampf der Gegensätze schließlich ein Aspekt vorherrschend werden wird, was einen Sprung zu etwas qualitativ Neuem bewirkt.

Um ein Beispiel zu nehmen – welches Hegel übrigens nicht kennen konnte: Die Sonne sieht aus wie ein fester, rot glühender Ball. In Wirklichkeit jedoch ist sie eine Masse fortwährender thermonuklearer Explosionen, bei denen der Wasserstoff im Sonnenkern in Helium umgewandelt wird, wodurch Hitze und Licht ausgestrahlt werden. Und unsere Sonne wird verschiedene Entwicklungsstufen durchlaufen, wodurch sich ihre Zusammensetzung und das Maß an Hitze und Licht, die sie freigibt, verändern, bis sie schließlich erlischt – und sie dadurch zu Material wird, aus dem wieder neue Sterne entstehen. Das ist ein Fall der Einheit, des Kampfes und der gegenseitigen Verwandlung von Gegensätzen – aus dem dann etwas Neues entsteht.

Aber Hegel sah die Quelle für all diese Entwicklungen in einem schon existierenden Bereich der Ideen, die dann in der materiellen Welt ihre Wirkung entfalteten. In diesem Sinne war Hegel philosophisch ein Idealist. Nun hat der Begriff Idealismus im Bereich der Philosophie eine andere Bedeutung als im Alltagssprachgebrauch. Im gewöhnlichen Sprachgebrauch ist normalerweise von Idealismus die Rede, wenn sich jemand um mehr kümmert als nur um sich selbst. Doch in der Philosophie bezeichnet der Begriff des Idealismus die Ansicht, dass Ideen vor der materiellen Welt existierten oder sich auf einer höheren Ebene befinden, die unabhängig von dieser Welt besteht.

Nehmen wir die Religion: „Am Anfang war das Wort“; oder, „Alles wird von einem Gott kontrolliert und geschaffen, der in einem anderen, nicht-materiellem Bereich existiert“; oder, „All mein Leid ist in Wirklichkeit nur ein Teil der Bestimmung, die Gott für mich hat“; all dies sind lediglich Formen des philosophischen Idealismus. Oder nehmen wir die weitverbreitete Vorstellung, dass die Menschen durch die eigenen Gedanken ihre eigene Realität schaffen. Noch mal Idealismus – weil sich in Wirklichkeit das eigene Denken im Verhältnis zu und im Kontext der spezifischen Gesellschaft entwickelt, in die der Mensch hineingeboren wird, durch den eigenen Platz innerhalb dieser Gesellschaft und durch die „Möglichkeiten“, die sie einem bietet.

Im Gegensatz zum Idealismus steht der Materialismus. Und wieder unterscheiden sich die alltägliche und die philosophische Verwendung dieses Begriffes. Wenn heute Leute von Materialismus reden, dann meinen die meisten von ihnen damit so etwas wie eine Fixierung auf den Konsum… der Hang zum Bling-Bling. Doch im Bereich der Philosophie steht Materialismus für die Sichtweise, die die Ursache von Phänomenen, einschließlich unserer Gedanken, in der wirklichen Dynamik der realen Welt sucht. Bewusstsein von Menschen ist das Merkmal einer besonderen Form von Materie, die denkt.

Zu Marx’ Lebzeiten war der Materialismus vorwiegend mechanisch – das heißt, die damaligen Materialisten verstanden, dass die Gesetze der physischen Welt erkannt werden konnten, aber sie neigten dazu, diese Gesetze als etwas Statisches und Maschinen-ähnliches aufzufassen, eine Art Uhrwerk-Universum. Sie waren in der Lage gewesen zu erkennen, wie sich die Erde um die Sonne dreht, und die Gesetze der Gravitation, die dafür verantwortlich sind, und wie all dies sich fortsetzen könnte; aber sie wussten nicht, wie die Sonne selbst entstanden war, welche Entwicklung sie durchlaufen hatte, und dass sie einmal sterben würde. Somit waren ihre Ansichten beschränkt, und ihre Philosophie spiegelte das wider. Sie konnten nicht so richtig erklären, wie qualitative Veränderungen – das Entstehen vollkommen neuer Dinge oder Sprünge – von materiellen Ursachen hervorgebracht werden konnten.

Marx und Engels griffen Hegels großartiges Einsicht in die Dialektik auf – dass sich alles durch den Kampf gegensätzlicher Kräfte verändert – und befreiten sie von ihrem Idealismus; und sie griffen das materialistische Verständnis auf, dass die Realität unabhängig von und vor allem Denken existiert, und befreiten dieses Verständnis von seinem mechanischen Charakter. Die Synthese war der dialektische Materialismus: Das Verständnis, dass alles in der Welt durch seine innewohnenden widersprüchlichen Kräfte ständige Veränderung und Entwicklung durchmacht, und dass das menschliche Denken selbst aus diesem Prozess entsteht und ihn widerspiegelt – und auch auf ihn zurückwirkt.

Das Studium der Gesellschaft auf eine wissenschaftliche Grundlage stellen

Marx und Engels wandten dieses Verständnis dabei an, um das Studium der menschlichen Gesellschaft auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen, und sie entwickelten den historischen Materialismus. Sie analysierten, dass Menschen zu allererst die Dinge produzieren müssen, die für das Leben notwendig sind, und dass sie zueinander in Verhältnisse eintreten müssen, um diese Produktion durchzuführen – und zwar Produktionsverhältnisse.

Diese Produktionsverhältnisse haben eine ungefähre Übereinstimmung mit einem bestimmten Entwicklungsstand der Produktivkräfte – das heißt der Technologie, der Bodenschätze und den Kenntnissen der Menschen in einer jeweiligen Gesellschaft zu einem jeweiligen Zeitpunkt. In der Sklaverei wird Produktion durch Verhältnisse zwischen Menschen durchgeführt, in denen eine Klasse buchstäblich eine andere Klasse besitzt. Diese Produktionsverhältnisse des Systems der Sklaverei korrespondieren im Allgemeinen mit großangelegter Landwirtschaft, in der die Werkzeuge sehr primitiv sind.

Im Kapitalismus wird die Produktion durch Verhältnisse zwischen Menschen durchgeführt, in denen eine Klasse – die Kapitalisten – die Fabriken, Lagerhäuser usw. besitzt und die andere Hauptklasse – die Arbeiter oder Proletarier – nichts besitzt als ihre Fähigkeit zu arbeiten, und in denen sie diese Fähigkeit verkaufen muss, um zu überleben. Die Kapitalisten besitzen die Arbeiter nicht direkt, sondern zahlen ihnen stattdessen Löhne, wenn sie mit ihnen Profit machen können, und entlassen sie, wenn sie das nicht mehr können – wie wir übrigens gerade erleben. Und diese Produktionsverhältnisse korrespondieren mit der Existenz großangelegter Produktionsmittel, welche die kollektive Arbeit von Menschen erfordern: Wenn zum Beispiel Menschen in eine Fabrik gehen, um Stahl oder Traktoren herzustellen, dann müssen sie zusammenarbeiten.

Sowohl der Kapitalismus als auch die Sklaverei sind Ausbeutungsgesellschaften, doch unterscheiden sich die Produktionsverhältnisse. Also haben unterschiedliche Gesellschaftsformen unterschiedliche Produktionsverhältnisse. Des Weiteren haben unterschiedliche Produktionsverhältnisse unterschiedliche Regierungssysteme, unterschiedliche Vorstellungen darüber, was die menschliche Natur ausmacht, unterschiedliche Familienformen, unterschiedliche Kunstformen, unterschiedliche Auffassungen über Rechte und Pflichten und unterschiedliche moralische Vorstellungen hervorgebracht.

Zum Beispiel wurde die Bibel – einschließlich des Neuen Testaments – während einer Zeit niedergeschrieben, in der ein wichtiger Teil der Produktion mittels Verhältnissen der Sklaverei durchgeführt wurde. Darum kann nirgendwo in der Bibel ein Hinweis darauf gefunden werden, dass Sklaverei ein schreckliches Verbrechen gegen die Menschheit ist – außer wenn die Israeliten im Alten Testament von Nicht-Juden versklavt werden. Und daher z. B. wurde die Bibel problemlos von den Sklavenhaltern der Südstaaten der USA dafür verwendet, um die Sklaverei zu rechtfertigen.

Heute, da Sklaverei nicht mehr den Interessen der herrschenden Klassen entspricht, besteht ein politischer und kultureller Konsens darüber, dass Sklaverei etwas Schreckliches ist. Aber die Ausbeutung der Arbeiter durch die Kapitalisten und das Entlassen dieser Arbeiter, wenn sie einmal nicht mehr profitabel ausgebeutet werden können, wird betrachtet als „wie die Dinge nun einmal sind“ und als der „menschlichen Natur“ entsprechend – genauso, wie es einst bei der Sklaverei der Fall war. Genauso wie die Abolitionisten (diejenigen, die für die sofortige Abschaffung der Sklaverei kämpften) vor dem US-amerikanischen Bürgerkrieg; jedoch auf einer viel wissenschaftlicheren Basis müssen wir aufzeigen, dass diese Dinge NICHT das Ergebnis der menschlichen Natur sind, genauso wenig wie die Sklaverei es war, sondern dass sie vielmehr bloß das Ergebnis kapitalistischer Verhältnisse sind – und wir müssen unsere ganz andere und entgegengesetzte Moral, die auf einer ganz anderen Art der Produktions- und Sozialverhältnissen basieren, nach vorn bringen.

Wenden wir eine wissenschaftliche, historisch-materialistische Herangehensweise auf den Fall an, mit dem ich diese Rede begonnen habe. Was hat dazu geführt, dass sich Oury Jalloh gezwungen sah, nach Deutschland zu kommen? Was hat dazu geführt, dass er so brutal ums Leben gekommen ist? Handelte es sich dabei um „ein Versehen“ oder nur eine „fahrlässige“ Handlung? Nun, hier müssen wir den gesamten gesellschaftlichen Kontext und die ganze längere Geschichte ins Visier nehmen, die zu diesem Vorfall geführt haben. Wir müssen die Frage stellen, wie das alles im Lichte der zugrunde liegenden Produktionsverhältnisse in der Gesellschaft zu verstehen ist, wie es dazu gekommen ist, dass Tausende und sogar Millionen von Menschen in den Neo-Kolonien in Afrika und anderswo gezwungen sind, aus politischen oder auch wirtschaftlichen Gründe nach Europa und in die anderen imperialistischen Zentren zu fliehen? Wie ist es dazu gekommen, dass in ganz Deutschland schwarze Menschen – und insbesondere Asylsuchende – von der Polizei regelmäßig schikaniert, diskriminiert und misshandelt werden, und dies fast immer straffrei bleibt? Wie weit verbreitet müssen rassistische Vorurteile sein, wenn ein Staatsanwalt behaupten darf, dass im Fall Oury, dieser sich selbst angezündet hat und die Bullen den mehrfach ausgelösten Feueralarm angeblich überhört hatten?

Wir müssen die Institutionen und Ideen analysieren, die in der Gesellschaft etabliert und gefördert worden sind. Wir müssen analysieren, wie z. B. in Deutschland der Rassismus dazu dient, die imperialistische Ausplünderung der Menschen und der Bodenschätze in Afrika zu rechtfertigen. Oder wie die Herrschenden in Deutschland den Rassismus verbreitet haben, aber zu unterschiedlichen Zeiten, diesen gegen unterschiedliche Volksgruppen gerichtet haben. Wir müssen all dies in ihrem Verhältnis zu allen anderen bedeutenden Phänomenen in der Gesellschaft betrachten. Und dann können wir auf der Basis all dessen beginnen, wissenschaftlich zu analysieren, worauf diese ganze Unterdrückung entstanden ist und steht – und was getan werden muss, um uns von ihr zu befreien. Das ist somit ein Beispiel für eine historisch-materialistische Herangehensweise.

Beschränkungen überwinden

Die Bedeutung dieser Entdeckung und von Marx’ Beiträgen zum menschlichen Denken – und zur menschlichen Befreiung im Allgemeinen – sind kaum zu überschätzen. Er hat zusammen mit Engels die theoretische Grundlage geschaffen – sie haben den Weg gewiesen.

Doch gab es, was nicht überraschend ist, auch Beschränkungen in der Art und Weise, wie Marx und Engels dabei vorgegangen sind, und diese Probleme wurden durch ernste methodologische Mängel aufseiten Stalins vermehrt, der nach dem Tode Lenins fast 30 Jahre lang die Sowjetunion und die internationale kommunistische Bewegung führte. Noch schlimmer, diese Fehler sind genau zu dem Zeitpunkt entstanden, als ein Fortschritt im Verständnis dringend erforderlich war. Mao, der Führer der Chinesischen Revolution, kämpfte gegen manche dieser Probleme, aber Mao selbst stieß gegen den schon vorhandenen Rahmen und war von dessen Einflüssen nicht befreit. Und diese Mängel hatten Konsequenzen.

Nun hat Bob Avakian die Schwächen in vier verschiedenen Bereichen der kommunistischen Philosophie offengelegt und tief gehend kritisiert. Diese betreffen erstens, einen vollständigeren Bruch mit idealistischen, quasi-religiösen Denkweisen, die ihren Weg in die Grundlagen des Marxismus gefunden hatten und mit denen nicht gebrochen wurde; zweitens, ein weiteres und qualitativ tieferes Verständnis der Art und Weise, wie sich Materie und Bewusstsein wechselseitig durchdringen und ineinander umwandeln; drittens, eine Kritik vieler Probleme, welche mit Pragmatismus und verwandten philosophischen Richtungen verbunden sind; und viertens, eine radikal andere Erkenntnistheorie – d. h. die Methode, um zur Wahrheit zu gelangen. Indem er all dies tat, hat er den Marxismus auf eine insgesamt wissenschaftlichere Grundlage gestellt.

Zunächst hat Avakian bestimmte sekundäre, aber trotzdem bedeutende, quasi-religiöse Tendenzen aufgezeigt, kritisiert und mit ihnen gebrochen, die vorher innerhalb der kommunistischen Bewegung und der kommunistischen Theorie existierten – Tendenzen, die das Erreichen des Kommunismus als eine „historische Unvermeidlichkeit“ betrachten, und der damit verbundenen Auffassung Kommunismus fast als Paradies anzusehen, eine Art „Königreich der großen Harmonie“, ohne Widersprüche und Auseinandersetzungen unter den Menschen.

Aber Kommunismus ist nicht unvermeidlich. Es gibt keine „gottähnliche“ in Großbuchstaben geschriebene GESCHICHTE, die die Dinge in Richtung Kommunismus treibt. Und während Kommunismus den antagonistischen und gewalttätigen Konflikten unter den Menschen ein Ende bereiten wird, wird er dennoch durch Widersprüche, Debatten und Auseinandersetzungen gekennzeichnet sein – die ohne gewalttätige Konflikte ausgetragen werden, und tatsächlich etwas sehr Gutes sein werden, da diese kontinuierlich zur Erlangung eines tieferen Verständnisses und weiterer Fortschritte in der Verwandlung der Realität im Einklang mit den allumfassenden Interessen der Menschheit beitragen werden.

Zu sagen, dass der Kommunismus nicht unvermeidlich ist, bedeutet NICHT, dass die Geschichte ein einziges Wirrwarr sei. In der Tat GIBT ES WIRKLICH eine Kohärenz in der Geschichte, wie Marx es ausgedrückt hat, basierend auf der Tatsache, dass die Produktivkräfte (also nochmals: der Boden, die Technologie, die Bodenschätze und die Menschen mit ihren Kenntnissen) von einer Generation an die nächste weitergegeben werden und sich ständig entwickeln; und dass wenn die Verhältnisse, in die die Menschen eintreten, um die Produktion durchzuführen, zu einer Fessel an der Weiterentwicklung dieser Produktivkräfte werden, große Veränderungen stattfinden.

Die Auffassung, dass der Triumph des Kommunismus das „unvermeidliche“ Ergebnis des Vorwärtstreibens einer gottähnlichen „GESCHICHTE“ ist, und die Tendenz, Kommunismus als eine Art von Utopie ohne Widersprüche und Auseinandersetzungen zu betrachten, war besonders bei Stalin zu finden, hat aber auch allgemein im Marxismus im bestimmten Ausmaß existiert. In einigen wichtigen Aspekten und im bedeutenden Ausmaß hat Mao mit dieser Art von Ansichten und Methoden gebrochen: Aber der Punkt ist, dass sogar bei Mao ein Aspekt von „Unvermeidlichkeit-ismus“ und verwandten Tendenzen noch vorhanden war; und Avakian hat den Bruch mit diesen Denkweisen, welche an Elemente von Religiosität innerhalb des Marxismus erinnern, weitergeführt, obwohl diese Elemente nicht hauptsächlich oder kennzeichnend hinsichtlich der marxistischen Theorie selbst waren. In dieser Hinsicht (so wie im allgemeinen Sinn) hat Avakian nicht nur Mao aufrechterhalten und Maos Beiträge zur Revolution und zur kommunistischen Theorie synthetisiert, sondern hat den Bruch mit Stalin, den Mao verkörpert, vorangebracht, und auf dieser Basis hat Avakian jetzt auch einige Brüche mit manchem von Maos Verständnis gemacht.

Wie ich gesagt habe – ein großer Unterschied!

Heute ist der Grundwiderspruch dieser Gesellschaft der zwischen der gesellschaftlichen Produktion (der Zustand, dass Menschen heutzutage kollektiv arbeiten müssen, um Dinge zu produzieren) und der Tatsache, dass die Mittel zur Produktion dieses Reichtums und das Produkt dieser Produktionsmittel immer noch das Privateigentum von Individuen sind und von diesen kontrolliert und angeeignet werden. Einerseits findet dieser Widerspruch seinen Ausdruck in all den verschiedenen Formen des Klassenkampfes und andererseits in der Tatsache, dass Weiterentwicklung nur durch die turbulente Expandieren-oder-sterben-Kollision verschiedener Kapitalblöcke stattfinden kann. Dieser Widerspruch wird auf verschiedene Art und Weise immer wieder auf seine Lösung drängen.

Ob nun dieser Widerspruch auf eine positive Weise gelöst wird – ob wir zu der kommunistischen Lebensweise fortschreiten, die jetzt möglich geworden ist – das ist nicht „garantiert“. Es hängt von uns ab; ob wir die harte Arbeit leisten, um unser wissenschaftliches Verständnis von der Gesellschaft und der Natur weiterzuentwickeln, und auch von unserer Fähigkeit, Freiheit aus den uns gegenüberstehenden Herausforderungen abzuringen.

Ähnlich wie beim religiösen Glauben mag einen diese „Unvermeidlichkeitsgarantie“ trösten oder stützen, aber sie ist nicht wahr und sie läuft einem objektiven Verständnis von der Wirklichkeit zuwider. Tatsächlich behindert ein solches falsches Verständnis das Denken in Bezug auf die verschiedenen möglichen Pfade menschlicher Entwicklung: Entwicklungspfade, die sehr realen Beschränkungen unterworfen und in diesem Sinne „determiniert“ sind, die jedoch nicht in eine vorbestimmte Richtung verlaufen.

Und der Kommunismus wird kein Himmel sein, kein Reich der großen Harmonie. Wie ich schon gesagt habe, wird er sich – so wie alles andere – durch die Lösung von Widersprüchen mittels Kampf verändern und entwickeln. Wobei hier der (ziemlich gewaltige) Unterschied besteht, dass dieser Kampf nicht mehr durch Gewalt zwischen antagonistischen sozialen Gruppen ausgetragen wird, und die Menschen werden selbst die vom Kapitalismus verursachte enge und oft grausame Denkweise, so wie auch das Patriarchat und nationale Unterdrückung, überwunden haben: Dinge, die heute als Bestandteil der menschlichen Natur betrachtet werden.

Die Rolle und potenzielle Macht des Bewusstseins

Zweitens – und damit verbunden – hat Avakian ein weitaus tieferes Verständnis von der potentiellen Rolle und Macht des Bewusstseins entwickelt. Anders gesagt: In dem Ausmaß, in dem der komplexe und multi-dimensionale widersprüchliche Charakter der Gesellschaft, mit all seinen verschiedenen Einschränkungen und seinen vielen möglichen Entwicklungspfaden, wissenschaftlich und tief gehend begriffen wird… in dem Ausmaß wird die eigene Freiheit zu agieren und eine gegebene Situation zu beeinflussen, unermesslich erweitert.

Vorher wurde die Bedeutung der ökonomischen Basis (d. h. die Produktionsverhältnisse) nicht nur erkannt – sondern überbetont. Dies war eine Tendenz in Richtung des Reduktionismus: d. h. komplexe Phänomene auf eine einzelne vorrangige Ursache zu reduzieren; Prozesse, die verschiedene Ebenen haben, abzuflachen, in einer Art, welche nicht mit der Realität übereinstimmt und sie sogar verzerrt. Ja, die politischen Institutionen, die Ideen, die Moral der Gesellschaft – mit anderen Worten der Überbau der Gesellschaft – wachsen letztendlich aus ihren ökonomischen Verhältnissen heraus: Das ist eine fundamentale Einsicht von Marx.

Aber diese Institutionen und Ideen des Überbaus haben ein relatives Eigenleben; und sie wirken aufeinander ein und beeinflussen einander auf mehreren unterschiedlichen und sich wechselseitig durchdringenden Ebenen. Sie können nicht auf vereinfachte lineare Erweiterungen der Produktions- oder Klassenverhältnisse reduziert werden. Nehmen wir ein Beispiel: Der weiße Rassismus – die Auffassung, dass es unterschiedliche „Rassen“ von Menschen gibt, und dass Schwarze eine niedrigere „Rasse“ darstellen, diese Auffassung ist eine pseudo-wissenschaftliche Verfälschung der Wirklichkeit, eine substanzlose Lüge, die in früheren Jahrhunderten entstanden ist. Der Rassismus entstand in der Zeit des Kolonialismus und der Sklaverei sowie aus den entsprechenden Sozialverhältnissen und wurde durch diese und die Klasse der Kolonialherren und Sklavenhalter gestärkt. Doch reichte sein Einfluss weit darüber hinaus, und besonders in den USA wurde er zum untrennbaren Bestandteil der US-amerikanischen Identität und des Demokratieverständnisses – ein Punkt, der in Avakians Vortrag über Jefferson’sche Demokratie sehr vertieft wird.[iv] Der Rassismus als Idee hat ein Eigenleben angenommen und beeinflusst das Denken von allen, und er wird in der sozialistischen Gesellschaft als solcher bekämpft werden müssen, auch wenn seine materiellen Grundlagen entwurzelt werden.

Während sowohl Lenin als auch besonders Mao schon tiefer gehende Beiträge zu einem richtigeren und dialektischen Verständnis der Funktionsweise des Verhältnisses zwischen Basis und Überbau leisteten, hat keiner von ihnen die Reichweite und Veränderlichkeit dieser relativen Abhängigkeit tief genug oder vielschichtig genug begriffen.

Mit pragmatischen Tendenzen brechen

Drittens, gab es andere negative philosophische Tendenzen und methodische Probleme, von denen viele mit Pragmatismus verwandt sind – einer Philosophie, welche, wie ich vorher erwähnte, die Untersuchung der tiefer zugrunde liegenden Realität im Namen von dem, „was funktioniert“, negiert, und welche außerdem behauptet, dass Ideen richtig sind, sofern sie nützlich sind. Dieser letzte Punkt überspringt die Frage „nützlich für was“ und, wichtiger noch, negiert das tatsächliche Kriterium von Wahrheit – ob eine Idee mit der Realität übereinstimmt. Die Idee, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen hatte, war nützlich für Bush – aber das machte dies nicht zur Wahrheit.

Diese falschen philosophischen Tendenzen, insbesondere bei Stalin, infizierten und sogar durchdrangen die kommunistische Bewegung … Sie beinhalteten Instrumentalismus, welcher die Anwendung von Theorie eher als ein Instrument, um kurzfristige Ziele zu rechtfertigen, betrachtet, anstatt sie als ein Mittel zur Wahrheitssuche anzusehen; Empirismus, welcher sich bei der Bewertung der Wahrheit auf direkte und unmittelbar beobachtbare Erfahrung, innerhalb eines engen Rahmens, stützt; Apriorismus, welcher der Welt Kategorien auferlegt, statt diese Konzepte durch ein komplexes Zusammenspiel zwischen Praxis und Theorie aus der Welt selbst herzuleiten; und Positivismus, eine Methode, welche dazu tendiert, Wissenschaft auf das Beschreiben und Kodifizieren von Beobachtungen zu begrenzen und zu beschränken, und ihre Aufmerksamkeit auf das Kriterium quantitativer Messung und Prognosen richtet.

Um kurz auf den Positivismus einzugehen: Diese Ansicht tendiert dazu, die Analyse tieferer Ebenen der Dynamik und Entwicklungsrichtung zu leugnen oder als sinnlos zu betrachten. Deswegen tendiert der Positivismus dazu, Phänomene vom größeren Kontext und von den unterschiedlichen Ebenen abzugrenzen, und versucht Dinge und Prozesse, auf eine einzige einfache Ursache zu reduzieren. Und neigt folglich dazu, die Art und Weise zu negieren, in der die Theorie der Praxis „vorauseilen“ kann und muss – d. h. die Art und Weise, in der eine tief gehende Analyse der Erfahrung (im allgemeinen Sinne betrachtet) tiefere Einsichten in die der Realität innewohnenden (oder potenziell vorhandenen) zugrunde liegenden Dynamik und Tendenzen ermöglichen und neue Wege für die Umwandlung der Realität eröffnen kann. Wenn die Theorie der Praxis nicht „vorauseilen“ würde, wären die Menschen unfähig, sich etwas qualitativ anders als das, was schon vorhanden ist, vorzustellen; wenn die Theorie nicht vorauseilen würde, wie hätten Marx und Engels das Kommunistische Manifest schreiben können?

Ich möchte jetzt ein gewissermaßen berüchtigtes Beispiel nennen, um einen Eindruck von den Konsequenzen dieser falschen methodologischen Herangehensweisen zu vermitteln. Es handelt sich um einen Biologen in der Sowjetunion der frühen 30er Jahre namens Trofim Lyssenko. Lyssenko bestand darauf, dass erworbene Eigenschaften vererbt werden könnten. Nehmen wir also an, dass wenn du richtig mager wärest, doch durch Gewichtheben und Anabolika richtig Muckis zulegen würdest, dass dann deine Kinder auch einen solchen Körperbau erben würden. Nun, eine solche Auffassung ist tatsächlich falsch. Doch weil Lyssenko ein ganzes Programm dafür hatte, wie eine große Weizenernte sehr schnell erreicht werden könnte, in einem Land, das von Hungersnot bedroht war, und weil er einige kurzfristige Erfolge dabei erzielte, indem er einige Pflanzen pfropfte, wurde Lyssenkos These für wahr erklärt.

Nehmen wir das einmal auseinander. Es gibt Pragmatismus – die Bewertung einer Idee als wahr, weil sie bei dem einen oder anderen kurzfristigen Ziel zum Erfolg führte, weil sie in diesem Sinne „funktioniert hat“. Und es gibt Empirismus – was als wahr gilt, wird nur auf Basis einer kleinen Anzahl von empirischen Erfahrungen bewertet. Statt dessen müssen wir das, was wir tun und das, was wir gerade lernen, im Kontext dessen betrachten, was wir zu einem bestimmten Zeitpunkt als wahr erkannt haben – unser vollständigstes und möglichst akkurates Bild oder Modell von der objektiven Realität. Dann müssen wir das auch in Beziehung zu den vorhandenen relevanten Daten aus anderen Quellen betrachten. Wie sah der Vergleich zwischen Lyssenkos Theorie und dem, was uns schon als wahr bekannt war, einschließlich Darwins Theorie und einigen der Arbeiten, die geleistet wurden, um sie zu beweisen, aus? Wenn es Widersprüche zwischen Lyssenkos Ergebnissen und dem gegeben hat, was von Darwins Theorie vorhergesagt worden wäre, wie sollten wir dann diese Widersprüche verstehen?

Doch so gingen sie damals nicht vor. Und die Ergebnisse dessen waren katastrophal – nicht nur für diejenigen Genetiker, die nicht mehr arbeiten durften und in manchen Fällen noch schärferen Repression ausgesetzt waren, weil sie eine andere Meinung vertraten, und auch nicht nur für die sowjetischen Wissenschaften im Allgemeinen – sondern auch, weil den Menschen dadurch eine bestimmte Art und Weise beigebracht wurde, wie an Ideen in allen Bereichen heranzugehen ist und wie sie zu bewerten sind.

Oder nehmen wir ein Beispiel des Apriorismus, wie auch des Positivismus. Stalin ging a priori davon aus, dass sobald die Landwirtschaft mechanisiert sei, und nachdem sich die Produktion in den 30er Jahren hauptsächlich in staatlichem Besitz befand, dass es dann keine antagonistischen Klassen mehr in der sowjetischen Gesellschaft geben würde. Doch ging der Kampf nichtsdestotrotz weiter. Da Stalins a priori entworfenes „Modell“ einer sozialistischen Gesellschaft ohne Klassenantagonismen das nicht erklären konnte, führte ihn das zu der Schlussfolgerung, dass jegliche Opposition das Werk von imperialistischen Agenten sein müsse. Die Ergebnisse davon waren schlimm – von zahlreichen Gesichtspunkten aus.

Nun ist es wichtig zu erwähnen, dass das später von Mao kritisiert und bekämpft wurde, und dass einer seiner großartigen Beiträge die Weiterführung des Klassenkampfes unter dem Sozialismus betraf. Und dass Mao, als Teil dessen, Stalins philosophische Tendenz, Widersprüche herunterzuspielen und sie nicht anzuerkennen, stark kritisierte. Doch haben diese Tendenzen in Richtung Positivismus, Instrumentalismus usw. großen Schaden angerichtet; und vor Avakian sind sie als solche nicht vollständig identifiziert worden und es ist mit ihnen nicht systematisch gebrochen worden.

Avakians radikaler Fortschritt im Bereich der Epistemologie

Schließlich und äußerst wichtig ist, dass Bob Avakian seit langer Zeit innerhalb der kommunistischen Bewegung bestehende erkenntnistheoretische Ansichten kritisiert und mit ihnen gebrochen hat. Epistemologie bedeutet Erkenntnistheorie – d. h. auf welchem Weg wir die Wahrheit zu verstehen lernen. Zu den falschen erkenntnistheoretischen Ansichten zählt die Idee, dass „Wahrheit einen Klassencharakter hat“. Tatsächlich ist aber Wahrheit eben Wahrheit und Bullshit eben Bullshit – ungeachtet dessen, wer etwas sagt. Nun sollten Materialismus und Dialektik, als eine allgemeine Methode, einen dazu befähigen, besser an die Wahrheit zu gelangen, wenn diese gründlich auf die Realität angewandt werden – aber der Wahrheitsgehalt einer daraus entstehenden Idee wird grundsätzlich daran gemessen, inwiefern sie mit der Realität übereinstimmt, nicht nach der zu ihrer Entstehung benutzten Methode.

In der Tat können Menschen, die diese Methode nicht benutzen – und sogar Menschen, die diese Methode verabscheuen – wie es sich bereits gezeigt hat, wichtige Wahrheiten entdecken. Es gibt KEINE unterschiedlichen Realitäten für verschiedene Klassen und auch nicht unterschiedliche „Wahrheiten“ für verschiedene Klassen. Es ist nicht eine Sache von: „Es geht um etwas Proletarisches, alle anderen Klappe halten.“ Es gibt nur eine Realität. Weil das Proletariat, als Klasse, kein Bedürfnis hat, den grundlegenden Charakter der menschlichen Gesellschaft zu verschleiern, stimmt der dialektische und historische Materialismus mit seinen grundlegenden Interessen überein; aber dieses umfassende Statement auf „Wahrheit hat einen Klassencharakter“ zu reduzieren, kann dazu führen, dass mensch es ablehnt, überhaupt etwas von bourgeoisen Denkern zu lernen; es ablehnt, von Denkern zu lernen, die weder bourgeois noch marxistisch sind, und sogar zu glauben, dass Menschen mit proletarischer Herkunft irgendein besonderen Zugang zur Wahrheit haben.

Auch hier müssen wir aus der negativen Erfahrung des Lyssenko-Falles lernen. Es setzte sich die Auffassung durch, dass weil Lyssenko aus den Reihen der werktätigen Massen stammte und weil er die Sowjetmacht unterstützte… und auch weil seine Gegner großenteils aus den privilegierten Klassen in der alten Gesellschaft kamen und die Sowjetmacht nicht unterstützten… dass dies alles nur noch mehr Beweis für die Richtigkeit von Lyssenkos Theorien sei. Doch hat Klassenherkunft nichts damit zu tun – oder sollte nichts damit zu tun haben – ob die Ideen eines Menschen als richtig oder falsch bewertet werden.

Es ist auch nicht so, dass die Wahrhaftigkeit von Ideen dadurch bestimmt wird, ob sie in irgendeinem unmittelbaren Sinne „nützlich“ sind. Diese pragmatische Herangehensweise hat auch zu einer Vorgehensweise geführt, um es deutlich zu sagen, die Realität zu „verdrehen“ oder sogar zu verzerren – so wie im Falle von Lyssenko, um es noch mal zu erwähnen, bei dem seine Theorie für wahr gehalten worden ist, weil sie unmittelbar nützlich erschien.

Nun geht es hier nicht darum, „nach der Wahrheit zu suchen“, losgelöst vom Kampf, um die Welt zu verändern. Und es ist auch nicht so, dass die „Wahrheit frei macht“. Nein, das wird sie ohne Kampf nicht tun. Doch wenn wir die Welt nicht mehr oder weniger richtig verstehen – wenn wir nicht wissen, was wahr ist – dann werden wir auch nicht frei sein können. Wir werden dann Dinge tun, die nicht mit der wirklichen Dynamik und den wirklichen Widersprüchen der Realität korrespondieren, und wir werden nicht in der Lage sein, die Realität umzuwandeln – zumindest nicht in eine Richtung, bei der wir Revolution und Kommunismus näher kommen.

Dieser Prozess ist sehr reichhaltig. Die Erkenntnisse von Nicht-Marxisten oder sogar Antikommunisten können weder einfach abgewiesen noch als Ganzes übernommen werden; sie müssen kritisch betrachtet und synthetisiert und oft umgestaltet werden. Doch wenn wir uns selbst von ihnen abtrennen – was zu einer „Tradition“ in der kommunistischen Bewegung geworden ist – wie können wir dann auch nur hoffen, ein Verständnis von der Welt zu haben, in der wir leben und die sich ständig verändert und neue und beispiellose Dinge hervorbringt? Wir brauchen tatsächlich den Widerstreit der Ideen, wir brauchen Debatten, Auseinandersetzung und Gärung, und wir brauchen Menschen, die Sachen nachgehen, die scheinbar keinen „Beitrag leisten“ und die sich vielleicht als Sackgassen herausstellen … die andererseits auch zu neuen Einsichten in die Realität führen können. Die Ansicht, dass „Wahrheit einen Klassencharakter hat“, unterbricht und verzerrt diesen äußerst wichtigen und notwendigen Prozess.

Und seien wir hier ehrlich. Es gibt Wahrheiten, die in einem kurzfristigen und eher linearen Sinne dem Kampf für den Kommunismus entgegenwirken, die aber, wenn sie in einem größeren Kontext und mit der von Avakian hervorgebrachten Methode und Herangehensweise aufgegriffen werden, tatsächlich einen positiven Beitrag zu diesem Kampf leisten. Dazu gehören auch die „Wahrheiten, die uns zusammenzucken lassen“ – Wahrheiten über die negativen Aspekte der Erfahrungen der internationalen kommunistischen Bewegung und der von Kommunisten geführten sozialistischen Gesellschaften – aber auch, und allgemeiner betrachtet, Wahrheiten, die entdeckt werden und die zeigen, dass die Realität in bestimmten Aspekten anders ist, als sie zuvor von den Kommunisten oder von den Menschen insgesamt verstanden wurde.

In Bezug auf die Wichtigkeit von „Wahrheiten, die uns zusammenzucken lassen“, ist es sinnvoll, ein letztes Mal auf Lyssenko zurückzukommen. Antikommunisten verweisen traditionell auf die Lyssenko-Geschichte als angeblichen Beweis dafür, dass der Kommunismus notwendigerweise die Wahrheit verzerrt… und Intellektuelle unterdrückt. Manche Kommunisten distanzieren sich auf oberflächliche Weise von dem Fall Lyssenko, und manche ignorieren ihn einfach, doch vor allem wollen sie sich „der Sache nicht annähern“ – und zwar im Zusammenhang mit der Frage, wie Kommunisten tatsächlich den Marxismus anwenden, um in jedem Bereich der Gesellschaft zu führen. Avakian besteht im Gegensatz dazu darauf, sich dieser Erfahrung konsequent zu stellen, und er ist in mehreren seiner Werke auf sie zurückgekommen und hat tiefer gehende Lehren aus ihr gezogen: Was waren die Fehlkonzeptionen innerhalb der Methode und der Sichtweise, die dazu geführt haben… was war der Kontext, der die Tendenz hervorbrachte, so etwas zu tun … und was müssen Kommunisten tun, um mit dieser Art von Ansichten und – noch grundsätzlicher – mit dieser Art von Praxis zu brechen, damit sie tatsächlich eine weitaus bessere Welt schaffen können.

Denn hier geht es nicht nur darum, „nach der Wahrheit zu suchen“, sondern auch darum, dies auf der Basis einer umfassend wissenschaftlichen, dialektisch-materialistischen Sichtweise und Methode zu tun, und eines richtigen Verständnisses von der Verbindung zwischen diesen und dem revolutionären Kampf und letztendlich dem Kommunismus: Es gilt, die ganze Reichhaltigkeit von dem, worum es sich hier handelt, zu begreifen. Die Wichtigkeit zu erkennen und darauf zu bestehen, nach der Wahrheit in diesem Sinn zu suchen – ungehindert von engen pragmatischen und instrumentalistischen Erwägungen über das, was zu einer gegebenen Zeit als am meisten praktisch erscheint, oder davon, was als mehr in Übereinstimmung mit den besonderen und unmittelbaren Zielen der Kommunisten zu sein scheint. Die Wahrheit zu suchen, indem ein wissenschaftlicher Standpunkt und eine dialektisch-materialistische Methode in der weitreichendsten, umfassendsten und konsequentesten Art und Weise angewandt wird, um der Realität gegenüberzutreten und sie auf dieser Basis in einer revolutionären Art und Weise in Richtung des kommunistischen Ziels umzuwandeln: All dies ist radikal neu und verkörpert einen zentralen Bestandteil der Reichhaltigkeit der neuen Synthese, die durch Bob Avakian hervorgebracht wird. Dies ist die volle Bedeutung seiner Feststellung: „Alles, was tatsächlich wahr ist, ist für das Proletariat gut: Alle Wahrheiten können uns helfen, den Kommunismus zu erlangen.“

Vergleichen wir diese Feststellung mit der Aussage: „Alles, was im Interesse des Proletariats liegt, und uns hilft, den Kommunismus zu erlangen, ist wahr.“ Letzterer Standpunkt, mit seinem pragmatischen und instrumentalistischen Inhalt und einer solchen Herangehensweise, hat in der Geschichte der internationalen kommunistischen Bewegung im viel zu hohem Ausmaß die Oberhand gehabt und ist in der Tat das Gegenteil von dem, was in dem oben zitierten Statement von Avakian konzentriert zum Ausdruck kommt. Und eben dieses ist ein zentraler Bestandteil des radikalen Bruchs, der seine Methode und Herangehensweise verkörpert und die Reichhaltigkeit der Epistemologie, die durch ihn hervorgebracht wird und für deren Anwendung durch Kommunisten er kämpft.

Bisher konnten wir nur im Umriss die philosophische und methodologische Grundlage der neuen Synthese, die von entscheidender Bedeutung ist, darlegen. Um sich tiefer gehend damit zu befassen, möchten wir auf die Aufsätze und Bücher von Bob Avakian verweisen.[v] Doch jetzt möchten wir zu den politischen Implikationen von alledem übergehen.

Teil III: Die neue Synthese: Politische Implikationen – die internationale Dimension

Hier möchte ich mich auf zwei Themen konzentrieren: den Internationalismus und die Rolle von Demokratie und Diktatur beim Übergang zum Kommunismus.

Auch hier müssen wir ein bisschen zum Hintergrund erklären. Marx und Engels riefen die Arbeiter aller Länder dazu auf, sich zu vereinigen. Die materielle Basis für diesen Aufruf war die Entstehung des Kapitalismus, der nicht nur die Epoche der modernen Nationen und Nationalstaaten eingeleitet hatte, sondern auch einen Weltmarkt hervorbrachte; und dass das Proletariat eine einzige internationale Klasse war, die die Teilung in verschiedene Nationen und Klassen überwinden musste, um eine Welt ohne Antagonismen zwischen den Menschen zu erlangen.

Am Ende des 19. Jahrhunderts hatten Monopole die vorherrschende Stellung in den fortgeschrittenen kapitalistischen Länder erlangt und Bank- und Industriekapital waren zu riesigen Finanzblöcken verschmolzen. Diese Nationen hatten damit begonnen nicht nur Waren, sondern auch Kapital selbst in die weniger entwickelten Nationen zu exportieren. Sie bauten Fabriken und Schienennetze in den weniger entwickelten Ländern und zogen sie auf eine neue Weise in das „moderne Leben“ hinein – allerdings in einer unterdrückten und untergeordneten Rolle. Die Konkurrenz unter den Großmächten um Einflusssphären verschärfte sich, während Militarismus und Kriege zur Stützung von alledem auch immer schärfer wurden. Bis zum heutigen Tag hat sich dies fortgesetzt und noch intensiviert, einschließlich zweier Weltkriege (die zusammen über 60 Millionen Menschen das Leben kosteten!), bis hin zum Triumph der USA im so genannten Kalten Krieg mit der Sowjetunion. Mehr denn je ist Produktion heutzutage ihrem Charakter nach international; doch wurzelt der Besitz, die Kontrolle und die Organisation von Kapital nach wie vor in getrennten – und miteinander rivalisierenden – Nationen. Und diese Nationen unterteilen sich im Grunde immer noch in unterdrückte und unterdrückende Nationen.

Unterdrücker-Nationen wie Deutschland oder die USA plündern unterdrückte Nationen wie die Türkei oder Mexiko nicht nur aus. Vielmehr ist die ganze Wirtschaft einer unterdrückten Nation auf einer untergeordneten Basis fester Bestandteil des imperialistischen Akkumulationsprozesses – sie wird entstellt und „disarticulated“ (d. h. verzerrt), um diesem Prozess zu dienen. Krisen finden ihren Ausdruck nun in intensiven geopolitischen Konflikten zwischen den imperialistischen Mächten um die Neuaufteilung der Welt, Konflikte, die ausbruchartig zu schrecklichen Feuerstürmen werden können – wie es bei den zwei Weltkriegen der Fall war. Diese Kriege brachten günstigere Möglichkeiten für Revolution hervor. Für diejenigen jedoch, die empiristisch oder positivistisch gedacht haben, schien das Gegenteil der Fall gewesen zu sein – und am Anfang des 1. Weltkrieges brach so gut wie die gesamte internationale sozialistische Bewegung, mit der bedeutenden Ausnahme der Bolschewiken unter Führung Lenins und ein paar anderen Kräften, zusammen und beging Verrat.

Gleichzeitig übernahmen diese Kriege die Funktion der „klassischen Krisen“ im Kapitalismus: Die Zerstörung des alten Rahmens der kapitalistischen Akkumulation, der zu sehr zu einer Fessel geworden war, und die Schaffung eines neuen Rahmens. Avakian spielte bei der Vertiefung von Lenins Analyse des Imperialismus die führende Rolle, und das Modell, das ich gerade umrissen habe, stellte auch einen Bruch mit dem dar, was in der kommunistischen Bewegung die dominierende Linie geworden war – die Ansicht, dass sich Imperialismus in einer allgemeinen Krise befand und geradewegs auf einen Kollaps zusteuerte.

Darauf basierend hat Avakian das Prinzip entwickelt, dass der Klassenkampf in jedem einzelnen Land entscheidender durch die Geschehnisse auf der internationalen Ebene als durch die Entfaltung der Widersprüche in einem einzelnen Land bestimmt wird, welches eben nicht außerhalb oder getrennt von diesem internationalen Kontext stehen kann. Die revolutionäre Situation, die Lenin ermöglichte, die Bolschewiken dazu zu führen, die Macht zu ergreifen, entstand durch eine internationale Conjuncture (Conjuncture mit „C“ nicht „K“. D. h. hier: Ein Zusammenballen auf Weltebene von den wesentlichen Widersprüchen des imperialistischen Systems). Der damalige Weltkrieg beeinflusste die Situation in Russland radikal und ermöglichte einen Durchbruch; Lenins Internationalismus und sein qualitativ tieferes Verständnis des Materialismus und der Dialektik versetzte ihn in die Lage, diese Möglichkeit zu erkennen, während anfänglich jeder andere in der Parteiführung der Idee, die Revolution zu vollziehen, entgegenstand. Ähnlich fand die chinesische Revolution in dem speziellen internationalen Kontext des 2. Weltkriegs und der Invasion durch Japan statt.

Nun kann das verdreht werden, um zu behaupten, dass solange die internationalen „Kräfteverhältnisse“ ungünstig sind, nichts getan werden könne. Das ist nicht richtig – und Revolution, oder sogar revolutionäre Versuche, in einem einzelnen Land können diese Kräfteverhältnisse radikal beeinflussen. Aber wir agieren in einer internationalen Arena und die Dynamiken dieser Ebene müssen verstanden werden: Das „gesamte“ imperialistische System ist größer als die Summe der einzelnen Nationen, die seine individuellen Bestandteile ausmachen.

Also kann all dies nicht von „meinem Land aus“ verstanden werden – und nebenbei – es auf diese Weise zu tun, ist ein weiteres Beispiel für Positivismus. Und Internationalismus kann nicht als etwas verstanden werden, was ein Land anderen Ländern „gewährt“: Die ganze Welt muss der Ausgangspunkt sein. Die Revolution im „eigenen“ Land muss als der eigene Anteil an der Weltrevolution betrachtet werden. Kommunisten vertreten NICHT diese oder jene Nation. Wir streben danach (oder sollten danach streben), alle Nationen abzuschaffen, obgleich wir wissen, dass wir durch eine Welt „hindurch müssen“, in der es noch eine lange Zeit Nationen geben wird, auch sozialistische Nationen, und in der es eine ganze Periode geben muss, in der zuerst Gleichheit zwischen den Nationen erlangt werden muss, damit diese überwunden werden können. Aber durch diese ganze Periode muss die kommunistische Bewegung ihren „Blick auf das Endziel“ einer Weltgesellschaft der Menschheit richten und alles, was sie tut, darauf beziehen.

Ironischerweise, wenn die Herangehensweise, die die Welt vom „eigenen Land aus“ betrachtet, angewandt wird, werden die realen Möglichkeiten der Revolution gerade in dem Land, in dem sich einer befindet, verpasst werden. Es wird nicht erkannt werden, wie unerwartete Umbrüche in diesem oder jenem Teil der Welt oder in diesem oder jenem Bereich des Systems Gelegenheiten liefern, die aufgegriffen werden können. Du wirst, sozusagen, gedanklich im Nationalismus eingeschlossen sein, und nicht mal die Basis für einen erfolgreichen nationalen Befreiungskampf wird erkennbar sein. Und dieses „gedanklich eingeschlossen sein“ ist ein Teil von dem, was zu Konservatismus und noch schlimmer zur Kapitulation in Zeiten der großen Gefahr geführt hat… die, aber auch, Zeiten der großen Möglichkeit für revolutionäre Fortschritte waren.

Diese gesamte falsche Herangehensweise wurde im Kontext einer Situation gefestigt, in welcher die Sowjetunion von antagonistischen, imperialistischen Kräften umzingelt war, die sie zu erwürgen versuchten, und gipfelte in dem Überfall durch Nazideutschland, der mehr als 25 Millionen Sowjetleben kostete. Den ersten sozialistischen Staat zu verteidigen, war tatsächlich eine reale Notwendigkeit. Aber diese Verteidigung existierte im Widerspruch zu – und im Verhältnis mit – der Notwendigkeit gleichzeitig Revolutionen in anderen Ländern voranzutreiben. Indem dieser Widerspruch nicht erkannt oder dessen Existenz geleugnet wurde, hat die Sowjetunion allzu oft den revolutionären Kampf in den anderen Ländern seiner eigenen Verteidigung geopfert oder versucht ihn zu opfern. Und, offen gesagt, bestand derselbe Schwachpunkt bei Mao fort. Wenn dieser Widerspruch nicht erkannt wird, und wenn nicht von der fundamentalen Tatsache ausgegangen wird, dass Imperialismus die ganze Welt zu einem einzigen Ganzen integriert hat, und dass der revolutionäre Prozess ein einziger integrierter weltweiter Prozess ist – sogar wenn verschiede Länder ihre eigenen getrennten, wenn auch in Wechselbeziehung zueinander stehenden Revolutionen haben – gibt es keine Chance, diesen zu lösen.

Avakian war weit davon entfernt, oberflächlich oder scholastisch in seiner Kritik zu sein: Er bestand auf eine vollständige Bewertung von dem, was den sozialistischen Staaten tatsächlich gegenüberstand. Aber davon ausgehend vertiefte er sich in deren Betrachtungsweise und Begründung ihrer Handlungen und machte eine durchdringende Kritik an deren theoretischem Verständnis.

Als Teil dessen entwickelte Bob Avakian das Prinzip, dass das Proletariat, das an der Macht ist, „das Voranschreiten der Weltrevolution über alles stellen muss, sogar über das Voranschreiten der Revolution in einem bestimmten Land und [dass es] den sozialistischen Staat vor allem als ein Stützpunktgebiet für die Weltrevolution aufbauen muss“. Von großer Bedeutung ist auch der Grundsatz, den er formulierte, nämlich dass Revolutionäre gleichzeitig danach streben müssen, die größtmöglichen Fortschritte im Aufbau der revolutionären Bewegung zu machen und sich auf eine revolutionäre Situation in allen Ländern vorzubereiten, während sie ebenfalls wachsam sind gegenüber „gewissen Situationen, welche zu einem gegebenen Zeitpunkt zu Knotenpunkten der weltweiten Widersprüche und zu potentiellen Schwachstellen werden… und auf welche die Aufmerksamkeit und die Energie des internationalen Proletariats besonders konzentriert werden sollte.“ An dieser Stelle möchten wir auf zwei Werke verwiesen, in denen diese Fragen vertieft werden: Conquer the World? The International Proletariat Must and Will und Advancing the World Revolutionary Movement: Questions of Strategie Orientation.[vi]

Darüber hinaus hat Avakian Lenins Verständnis aufrechterhalten und vertieft, nämlich das Verständnis, dass die Teilung der Welt zwischen imperialistischen Mächten und unterdrückten Nationen dazu geführt hat, dass innerhalb der imperialistischen Mächte ein Teil der Arbeiterklasse, und sogar ein größerer Teil der Mittelschicht, nicht nur materiell durch die imperialistische Ausbeutung und den Parasitismus des Imperialismus begünstigt sind, sondern sich auch politisch mit ihren imperialistischen Herren identifizieren. Er schlussfolgerte aus Lenins Punkt über die Notwendigkeit, sich auf die Teile der Massen zu stützen, welche nicht so sehr davon profitieren, oder auf diejenigen, die zumindest dazu geneigt sind, sich dem Imperialismus zu widersetzen. Und das heißt, dass Kommunisten gewillt sein müssen, unpopulär zu sein und gegen die Strömungen des Nationalchauvinismus innerhalb der imperialistischen Länder zu schwimmen – ob er die Form von Ausbrüchen des hässlichen Nationalchauvinismus annimmt oder die Form der Komplizenschaft durch Passivität, die gleichermaßen mörderisch ist.

Teil IV: Die neue Synthese: Politische Implikationen – Diktatur und Demokratie

Die neue Synthese hat auch extrem wichtige Implikationen bezüglich der Diktatur des Proletariats, welche Marx als den notwendigen Durchgangspunkt zur kommunistischen Gesellschaft bezeichnete. Kurz gesagt: Wie kann sich der sozialistische Staat, als eine Macht im Übergang zu einer staatenlosen kommunistischen Weltgesellschaft, aufrechterhalten – und dabei nicht zum Selbstzweck werden? Wie kann er stets vorwärts schreiten – und nicht zum Kapitalismus zurückgezogen werden?

Avakian hat über 30 Jahre damit verbracht, die Erfahrungen der sozialistischen Revolution in der Sowjetunion und in China tief gehend zusammenzufassen, einschließlich der Vorstellungen, der Annahmen, Methoden und Herangehensweisen der großen Anführer, welche diese Revolutionen geleitet haben. Auch hier werde ich hauptsächlich kurz einige Schlüsselpunkte darlegen oder umreißen und auf seine Werke hinweisen.

Das, was Avakian in Making Revolution And Emancipating Humanity schrieb, trifft zum großen Teil auf die ganze erste Etappe der kommunistischen Bewegung zu:

„In der Geschichte der kommunistischen Bewegung und der sozialistischen Gesellschaft gab es die Grundorientierung, bei der die materielle Realität und die Lebensbedingungen der Volksmassen als Priorität – als der Mittelpunkt und das Fundament – betrachtet wurde, im Gegensatz zu der bourgeoisen Haltung, die unterdrückenden Umstände, unter denen die Volksmassen und die große Mehrheit der Menschheit leben, zu ignorieren – oder in der Tat – zu verstärken. Und es ist sehr wichtig, tief zu begreifen, dass im Namen des Individuums und der „Grundrechte“ Verfechter der einen oder anderen Form diese bourgeoisen Sichtweisen tatsächlich die Interessen einer Klasse – und die Dynamiken eines Systems, in welchem diese Klasse (die Bourgeoisie) herrscht – befürworten, ein System, in dem die Volksmassen (buchstäblich Millionen von Individuen der ausgebeuteten und unterdrückten Klassen) erbarmungslos zermürbt und zermalen werden, und wo ihre Individualität und jegliche Vorstellung von ihrer individuellen Würde als nichts gelten.“[vii]

Die Kommunisten der Sowjetunion und Chinas führten die Massen dabei an, ihre revolutionäre Macht dazu zu benutzen, unglaubliche und beispiellose Dinge zu tun. Das Eigentum an den Produktionsmitteln wurde vergesellschaftet und die Produktion darauf gerichtet, die materiellen Erfordernisse der Gesellschaft und die Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen. Innerhalb von nur einigen Jahren sind die Frauen in diesen Ländern von den mitunter meist versklavten und unterdrückten der Welt zu den meist befreiten geworden. Die Menschen, die bisher großenteils Analphabeten waren, wurden fast alle des Lesen und Schreiben mächtig; Ausbildung und Kultur wurden all denjenigen zugänglich gemacht, die bis dahin gänzlich von ihr ausgeschlossen waren. Insbesondere hat die Sowjetunion unglaubliche Schritte in Richtung Gleichheit unternommen, und das in einem Land, das ein regelrechtes Gefängnis der unterdrückten Nationen und Völker war – und als Völkergefängnis bezeichnet wurde. Die medizinische Versorgung fing da an, für alle zugänglich zu sein, wo vor der Revolution die meisten Menschen noch nie einen Arzt besucht hatten.

Aber wir können es nicht dabei belassen. So notwendig es auch ist, eine feste Haltung anzunehmen und diese Errungenschaften zu verteidigen – und zu schätzen –, angesichts des endlosen Hagels der Verleumdungen und Verzerrungen, ist es dennoch nicht ausreichend. Es ist nicht ausreichend, einfach die Ausgangssituationen dieser Revolutionen und die unnachgiebigen und unbeschreiblich brutalen Kräfte, die ihr gegenüberstanden, tief gehend zu analysieren.

Errungenschaften aufrechterhalten, Kritik berücksichtigen

Wir müssen ebenfalls die Kritik dieser Erfahrung – aus welcher Richtung auch immer – ernst nehmen, tief gehend untersuchen und uns die Frage stellen: Um welchen Preis? Der proletarische Staat muss sich im Angesicht des existenzgefährdenden Widerstandes seitens der gestürzten Ausbeuter und der brutalen Angriffe von außen an der Macht behaupten: Aber macht es dies notwendig, Dissens und Gärung und eine Vielfalt von Ideen und Herangehensweisen – darunter auch Ideen und Ansätze, die zum Sozialismus in Opposition stehen – einzuschränken bzw. zu entmutigen und zu unterdrücken? Die neue Macht steht vor der welthistorischen Aufgabe, die Massen in das intellektuelle Leben und die Kunst einzuführen und überhaupt eine ganz neue Kultur zu schmieden. Und in dieser Hinsicht wurden, insbesondere in China, erstaunliche Dinge vollbracht. Aber muss die Folge davon sein, dass die Tätigkeiten, die Forschung und das Experimentieren durch diejenigen, die in der alten – oder auch in der neuen – Gesellschaft als Künstler und Wissenschaftler ausgebildet wurden, eingeschränkt werden muss? Es gibt zum ersten Mal die Basis dafür – und auch das große Bedürfnis – die Frage der Freiheit als ein positives und kollektive Unternehmen in Angriff zu nehmen: Es muss heißen „Wie werden wir die Welt umwandeln und dem Volke dienen“ und nicht „Ich will meins bekommen“. Aber muss das bedeuten, dass es für Individualität und individuellen Freiraum keinen Bedarf gibt, oder sie keine positive Rolle spielen können? Es gibt die Notwendigkeit, dass „Sachen erledigt werden“ – aber in welcher Beziehung steht dies zum proletarischen Staat, als eine radikal andere Staatsform, die die Massen in zunehmendem Maße tatsächlich in die Gesamtleitung und direkte Verwaltung des Staates einbezieht?

Nun werden diese Fragen nicht richtig beantwortet werden können, wenn sie oberflächlich behandelt werden. Nehmen wir das Beispiel, den Bürgerkrieg in den USA und die Periode der so genannten Reconstruction – der ca. zehnjährige Zeitraum im Süden nach dem Krieg – unmittelbar nachdem die Sklaven befreit worden waren und ihnen angeblich Land und politische Rechte gegeben werden sollten. Ein Jahrhundert lang wurde in den Schulen in den USA sowie im kulturellen Bereich durch Werke wie der Film Vom Winde verweht erzählt, dass es sich bei der Reconstruction um eine furchtbare Zeit gehandelt habe, in der die Weißen schrecklichem Leid ausgesetzt waren.

Was wirklich passiert ist, ist, dass die Kapitalisten der Nordstaaten, um die Macht der Plantagenbesitzer im Süden zu brechen, anfangs manchen von ihnen für eine gewisse Zeit die politischen Rechte entzogen und mit militärischer Macht den Versuch der ehemaligen Sklaven unterstützten, sich an Wahlen zu beteiligen, selber Ämter zu bekleiden und Land für sich in Besitz zu nehmen. Doch als einmal die Plantagenbesitzer im Süden auf einer nun untergeordneten Basis in die herrschende Klasse reintegriert worden waren und verschiedene Widersprüche in anderen Teilen der USA hervorzubrechen begannen, zogen die Nordstaaten-Kapitalisten ihre Truppen ab und erlaubten ihren ehemaligen Feinden, den Ku Klux Klan zu organisieren, ein der Sklaverei ähnliches System der Sträflingsarbeit und der Pachtlandwirtschaft einzuführen und die Schwarzen Massen jegliche politischen Rechte zu entziehen – und dies sowohl durch Gesetze als auch durch „Lynchjustiz“ durchzusetzen. Diese Orgie der Vergeltung, die die Reconstruction umkehrte, wurde offiziell als „The Redemption“ (zu Deutsch: sowohl Wiederherstellung als auch Erlösung) bezeichnet. Und die Geschichte wurde von den Siegern umgeschrieben, bis in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts eine neue Generation zurückschaute und die wirkliche, objektive Wahrheit über diese Geschichte ausgrub.

Um wirklich die Ziele der Reconstruction erreichen zu können, wäre es erforderlich gewesen, den ehemaligen Sklavenhaltern ihre politischen Rechte zu entziehen und das auch durch- bzw. umzusetzen. Um es klar zu sagen, ein solcher Prozess wäre blutig gewesen und einige unschuldige Menschen hätten darunter zu Schaden kommen können … doch das wäre es wert gewesen.

Damit es nicht zu den annähernd 5.000 Lynchmorden im Zeitraum nach der Niederlage der Reconstruction gekommen wäre, mit all den Auswirkungen, die sie auf Millionen von Schwarzen gehabt haben?

Dafür wäre es das wert gewesen.

Damit es nicht zu der geistigen Zerstörung gekommen wäre, die mit dem gesamten System der „Rassentrennung“ einherging?

Dafür wäre es das wert gewesen.

Um die Institutionalisierung von Dingen wie Sträflingsarbeit und die chain gangs, das minderwertige Bildungssystem für Schwarzen und all die anderen Dinge zu stoppen, die die Menschen bis heute plagen, manchmal in anderen und manchmal in fast unveränderten Formen?

Dafür wäre es das wert gewesen.

Nun lasst uns zum Kapitel der kommunistischen Revolution kommen, welche viel weitgehender fundamentaler und radikaler ist als die Reconstruction es je beabsichtigte zu sein, und die sich, als sie das erste Mal an die Macht kam, in einer viel schwierigeren Situationen befand. Diesen Revolutionen standen nicht nur die besiegten Ausbeuter gegenüber – welche, wie Lenin es sagte, all ihr Wissen, ihr Anspruchsdenken und ihre Beziehungen von früher beibehalten, und sobald sie ihr Paradies verlieren, die Revolution mit zehn Mal mehr Bösartigkeit und Listigkeit angreifen – sondern auch die militärisch viel stärkeren imperialistischen Mächte. Die Sowjets haben nicht nur einen Bürgerkrieg geführt, der vielen Millionen das Leben kostete und im Prinzip die noch vorhandene Industrie zerstörte, sondern waren in diesem Bürgerkrieg den Invasionen und Einmischungen von siebzehn verschiedenen militärischen Mächten, inklusive der USA, ausgesetzt. Dazu kam die Invasion durch die Nazis, die knapp 20 Jahre, nachdem der Bürgerkrieg gewonnen wurde, stattfand.

Dennoch, sogar wenn wir dies vollständig berücksichtigen, müssen wir das, was getan wurde, hinterfragen und die Mängel, sowohl in der Praxis als auch in der Theorie, analysieren und uns selbst – als auch die Massen – ernsthaft darauf vorbereiten, es das nächste Mal besser zu machen.

Ein tiefer gehender Bruch mit der bürgerlichen Demokratie

Als Teil dessen, es besser machen zu können, und sogar, um die Frage „um welchen Preis“ auf der richtigen Basis beantworten zu können, ist es erforderlich gewesen, einen tiefer gehenden Bruch mit den bourgeois-demokratischen Einflüssen innerhalb der kommunistischen Bewegung und dem ganzen Konzept der „klassenlosen Demokratie“ zu manchen. Avakian hat in seinem bahnbrechenden Buch Demokratie: Können wir es nicht besser machen? diese Frage gestellt und sie mit einem eindringlichen „JA!“ beantwortet.

Nun möchte ich diesen Punkt vertiefen, indem ich zunächst zwei kurze Zitate von Avakian anführe, die oft in der Zeitung Revolution abgedruckt werden. Das erste lautet:

„Das Wesen dessen, was in den USA existiert, ist nicht Demokratie, sondern Kapitalismus-Imperialismus und die politischen Strukturen, um den Kapitalismus-Imperialismus durchzusetzen. Das, was das die USA rund um die Welt verbreitet, ist nicht Demokratie, sondern Imperialismus und die politischen Strukturen, um den Imperialismus durchzusetzen.“

Und dann, von einem anderen Blickwinkel aus, Folgendes:

„In einer von grundlegenden Klassenteilungen und gesellschaftlichen Ungleichheiten gekennzeichnete Welt, über „Demokratie“ zu reden – ohne über den Klassencharakter jener Demokratie zu sprechen – ist bedeutungslos oder schlimmer. Solange die Gesellschaft in Klassen geteilt ist, kann es keine ‚Demokratie für alle’ geben: Die eine oder andere Klasse wird herrschen und sie wird die Art von Demokratie aufrechterhalten und fördern, welche ihren Interessen und Zielen dient. Die Frage ist: Welche Klasse wird herrschen, und ob ihre Herrschaft und ihr System von Demokratie dem Aufrechterhalten oder letztendlich der Abschaffung der Klassenteilungen und der entsprechenden Ausbeutungs-, Unterdrückungs- und Ungleichheitsverhältnisse dienen wird.“

Reden wir über die Implikationen davon. Zunächst können wir nicht die Instrumente der kapitalistischen Diktatur – die Armeen, Gefängnisse, Gerichte und die Bürokratie, die von diesem System entwickelt und geformt worden sind, um Ausbeutung und Imperialismus zu untermauern und auszuweiten – wir können nicht von eben diesen Dingen Gebrauch machen, um Ausbeutung abzuschaffen, Unterdrückung zu entwurzeln und um uns gegen die Imperialisten zu verteidigen. Und wir können nicht die Mittel und Strukturen der bürgerlichen Demokratie, die konzipiert worden sind, um erstens, Auseinandersetzungen unter den Ausbeutern zu schlichten und um zweitens, die Volksmassen zu atomisieren, übers Ohr zu hauen und passiv zu halten, wir können eben nicht diese Mittel und Strukturen benutzen, um die Menschen dazu zu mobilisieren und zu entfesseln, die Welt bewusst zu verstehen und umzuwandeln. Während es stimmt, dass, wie Lenin es ausdrückte, der Sozialismus millionenfach demokratischer für die Volksmassen ist, ist der Sozialismus dennoch keine Ausweitung von bürgerlicher Demokratie (welche auf Ausbeutung begründet ist) für die Ausgebeuteten, noch kann er dies sein. Und diese Lehre ist nicht nur wissenschaftlich begründet, sondern für sie ist ein hoher Blutzoll gezahlt worden.

Die „4-Sämtlichen“

Die proletarische Diktatur – und das proletarische System von Demokratie – muss anders sein. Sie muss der Abschaffung antagonistischer Teilungen unter den Menschen und der Verhältnisse, Institutionen und Ideen dienen, die aus ihnen erwachsen und sie untermauern. Nun wird die neue Macht von Anfang an eine Menge dafür tun, um dieses Ziel zu erreichen – unter anderem, indem sie die vergesellschafteten Produktionsmittel übernimmt und damit beginnt, sie für die Erfüllung der materiellen Bedürfnisse der Menschen und für das Fortschreiten der Weltrevolution zu nutzen.

Aber am Tag nach dem Sieg der Revolution werden wir es mit einer Gesellschaft zu tun haben, deren Mitglieder als Angehörige unterschiedlicher sozialer Klassen aufgewachsen sind. Selbst wenn wir die Großkapitalisten beiseite lassen – was wir nicht tun dürfen, weil sie immer noch da sein und sich nicht mit ihrer Enteignung abgefunden haben werden – wird es immer noch Unterschiede zwischen den Menschen geben: Zwischen einerseits denjenigen, die vielleicht im Bereich der Medizin, der Verwaltung oder des Ingenieurwesens eine Ausbildung gemacht haben, und andererseits denen, die solch eine Ausbildung nicht hatten und in den Gießereien, den Krankenhäusern oder auf den Feldern arbeiten mussten – wenn sie überhaupt Arbeit finden konnten. Und es gibt auch die Macht der Gewohnheit, überliefert aus Jahrhunderten, in denen die Menschen auf keine andere Weise zusammengekommen sind, um ihre Grundbedürfnisse zu produzieren, als in Form von – oder mittels – Verhältnissen, in denen eine Hauptklasse eine andere ausbeutet und in denen es eine strenge Trennung gegeben hat zwischen denjenigen, die Kopfarbeit und denjenigen, die körperliche Arbeit geleistet haben.

Darüber hinaus werden wir mit allen Sozialverhältnissen und Ideen, die durch diese Ausbeutungsverhältnisse bedingt und untermauert worden sind, konfrontiert sein. Die neue Macht wird sich sofort daran machen, die Säulen dieses Systems – Dinge wie die Vorherrschaft der Männer oder Rassismus und Deutschchauvinismus – zu beseitigen und wirkliche Gleichheit zu schaffen. Aber auch nachdem wir diese Umwälzungen in Gang gesetzt haben und nachdem die Befreiung der Denkweise der Menschen auf vielfältige Weise angefangen hat, sodass es die neuen sozialistischen Verhältnisse widerspiegelt, werden Jahrhunderte von Ausbeutung immer noch großen Einfluss auf das Denken der Menschen haben. Es wird vergleichbar sein mit einem post-traumatischen Stresssyndrom nach einer Vergewaltigung; diese Gesellschaft mitsamt all ihrer Mitglieder ist durch die Jahrhunderte und Jahrtausende von Unterdrückung und deren Auswirkungen auf das Denken der Menschen traumatisiert worden – durch den Rassismus, den Sexismus, den „Deutschland über alles“ nationalen Chauvinismus und den fremdenfeindlichen Hass auf Menschen aus anderen Ländern, durch das elitäre Denken, ja selbst durch die Minderwertigkeitsgefühle, die die Massen eingehämmert bekommen – gegen all diese Ideen wird gekämpft werden, doch werden sie nicht ohne Weiteres verschwinden. Und diese Ideen werden einen Nährboden finden in den immer noch vorhandenen Ungleichheiten und ökonomischen Verhältnissen, die noch Aspekte der quasi-kapitalistischen Verhältnisse enthalten, aber nicht über Nacht beseitigt werden können – also das, was als „bürgerliches Recht“ bezeichnet wird. Politische Ideen und Programme, die diese Verhältnisse widerspiegeln, werden aus diesem Boden erwachsen und sich Geltung verschaffen, und sie werden die Basis für neu entstandene kapitalistische Elemente bieten, die um die Macht kämpfen. Und die neue Macht wird die Massen dafür mobilisieren müssen, sie zu identifizieren, zu verstehen und zu überwinden.

Also, es ist eben nicht so einfach: „Wir brauchen nur die ökonomischen Verhältnisse zu verändern, und der Rest wird sich von selbst erledigen“. Und insofern Kommunisten so gedacht haben oder immer noch so denken, hat das eine Menge Schaden angerichtet. Jeder Bereich der Gesellschaft wird umgewälzt und revolutioniert werden müssen, und das über einen sehr viel längeren Zeitraum, als sich Marx oder Lenin vorstellten. Und all diese Bereiche – oder, wie Marx es wissenschaftlich formuliert hat, alle Klassenunterschiede, sämtliche Produktionsverhältnisse, worauf sie beruhen, sämtliche gesellschaftliche Beziehungen, die auf dieser Grundlage entstehen, und sämtliche Ideen, die diesen Beziehungen entsprechen – oder, um es kurz zu sagen, die „4-Sämtlichen“ – werden beseitigt werden müssen, um zum Kommunismus zu gelangen, und sind Teil des Prozesses, um dies zu tun.[viii]

Eine andere Art von Demokratie und Diktatur

Also werden wir eine Diktatur über die ehemaligen Ausbeuter und diejenigen brauchen, die Ausbeutungsverhältnisse wiederherstellen wollen; und wir werden auch Demokratie für die Massen brauchen, damit diese tatsächlich die notwendigen Umwälzungen durchführen können. Doch es wird sich dabei um eine Diktatur und eine Demokratie handeln, die ein qualitativ anderen Charakter haben wird, als das, womit wir es gegenwärtig zu tun haben. Noch mal, wir können nicht einfach einen Stellungswechsel durchführen, bei dem nur andere Menschen von den gleichen alten Instrumenten Gebrauch machen. Es wird Formen geben müssen, durch die die Volksmassen tatsächlich zum Leben erwachen und eine ganz andere Gesellschaft schaffen – und sich im Verlauf dieses Prozesses selber verändern – in einem Ausmaß, das wir uns von innerhalb der geistigen Schranken dessen, was unter dem bestehenden System „heute ist“, kaum vorstellen können.

Das bedeutet, die Menschen zu mobilisieren – und zu entfesseln – sie zu führen und von ihnen zu lernen, um die Ungleichheiten und die Sozialverhältnisse aus der alten Gesellschaft zu überwinden, die alle das Voranschreiten hin zu einer neuen Gesellschaftsform unterminieren. Es bedeutet, stets breitere Teile der Volksmassen mit den theoretischen Werkzeugen auszustatten, mit denen sie kritisch die Gesellschaft analysieren und mit denen sie einschätzen können, ob und konkret wie sich die Gesellschaft in Richtung Kommunismus bewegt, und was getan werden muss, um zu jedem einzelnen Zeitpunkt so weit wie möglich in diese Richtung gehen zu können.

Nun ist diese Herangehensweise direkt der Idee entgegengesetzt, dass es sich im Sozialismus hauptsächlich darum handeln würde, dass „konkrete Ergebnisse“ erzielt werden: d.h. sicherzustellen, dass sich der Lebensstandard der Menschen erhöht, das Leben der Menschen sicherer wird usw., während dabei die Entscheidungen von denen getroffen werden, „die wissen, wie man’s macht.“ Anders ausgedrückt: „Feed ‚em and lead ‚em“ (auf Deutsch: „Füttere sie und führe sie.“). Das ist das, was als die revisionistische Herangehensweise bekannt ist – den Kommunismus in Worten aufrechterhalten, ihn aber seines revolutionären Wesens berauben. Und das war die Linie der Leute, die nach Maos Tod in China tatsächlich die Macht ergriffen und diejenigen stürzten, die um Mao gruppiert waren; und wir können jetzt sehen, wohin dieser Weg letztlich führt – hin zu einer kapitalistischen Hölle mit einem sozialistischen Etikett.

Die Frage ist also die: Werden die Massen nur produzieren und kämpfen? Oder werden sie die Befreier der Menschheit sein? Können die Massen wirklich der Welt, so wie sie ist, gegenübertreten, sie verstehen und umwandeln?

Die Antwort ist, sie KÖNNEN es. Aber nicht spontan und ohne Führung. Menschen können nicht die bewusste Initiative ergreifen, um die Welt zu verändern, wenn sie nicht wissen, wie diese funktioniert. Dafür ist Wissenschaft nötig. Und weil die Gesellschaft so strukturiert ist, um die Massen vom Ausarbeiten von Ideen auszuschließen, müssen sie diese Wissenschaft durch die Leute vermittelt bekommen, die die Möglichkeit hatten sich mit ihr auseinanderzusetzen. Noch einmal, sie brauchen eine Führung.

Und wir sollen uns selbst nichts vormachen: Alle in dieser Gesellschaft werden in die eine oder andere Richtung geführt. Viele Leute, die fest behaupten, dass sie nicht geführt werden, haben jede Menge Hoffnung in die Auseinandersetzung zwischen CDU/CSU/FDP vs. SPD/LinksPartei bzw. SPD/Grüne/LinksPartei. Aber sobald die eine oder andere Kombination im Amt ist, werden sie den Rahmen diktieren, sie werden sagen, was zu tun ist, und – wie sie gesagt haben – werden sie das tun, um den „Interessen Deutschlands“ und der „gesellschaftlichen Ordnung“ innerhalb Deutschlands zu dienen.

So ist die Frage nicht, ob es eine Führung geben wird, sondern was für eine Art von Führung es geben wird, und welchen Zielen sie dienen wird. Avakian sagte es in Making Revolution and Emancipating Humanity auf diese Weise:

„Solange dies wahr ist, wird die grundlegende Frage die bleiben: Was ist der Inhalt und die Auswirkung dieser Führung – wohin und wie wird sie die Menschen führen? Wozu befähigt sie die Menschen, und wovon hält sie sie ab? Trägt sie zur Fähigkeit der Menschen bei, tatsächlich die Realität zu verstehen und bewusst zu handeln, um sie in Übereinstimmung mit den fundamentalen Interessen der Menschheit zu verändern – oder verhindert und untergräbt sie dies?“[ix]

Es ist wichtig, im Zusammenhang mit dem, was ich vorher erklärt habe, über die verbleibenden Vorteile und die verbleibende Macht der gestürzten Imperialisten und ihrer internationalen Verbindungen nachzudenken. Das Proletariat kann die Macht nicht mit der Bourgeoisie teilen, oder es wird bei lebendigem Leibe gefressen. Und so wie ich es vorher sagte, wurde dieses Thema in den polemischen Werken von Bob Avakian wie Democracy, Now More Than Ever We Can and Must Do Better Than That wissenschaftlich behandelt und, ja, das richtige Verständnis darüber hat einen hohen Blutzoll gekostet. Auf einer tieferen Ebene hat nur das Proletariat, als Klasse, ein Interesse daran, tatsächlich die „4-Sämtlichen“ abzuschaffen, und der Staat wird entweder ein Instrument zur Abschaffung der „4-Sämtlichen“ sein oder er wird sie verstärken.

Aus all diesen Gründen und so lange es antagonistische Klassen und den Boden gibt, aus denen Klassenantagonismus wachsen kann, werden wir noch eine institutionalisierte Führungsrolle der proletarischen Partei im sozialistischen Staat brauchen. (Sobald Klassen abgeschafft sind, werden wir keine institutionalisierte Führung und keinen Staat insgesamt mehr brauchen.)

Gleichzeitig müssen wir dies als einen Widerspruch erkennen und entsprechend behandeln – um die Partei stets zu revolutionieren und sie neu zu beleben, sodass sie weiterhin diese Art von Führung leistet und nicht zu einem neuen Unterdrücker wird.

Dies ist kein kleines Problem – es ist eins, dem Avakian viel Aufmerksamkeit geschenkt hat, und es ist ein großer Teil von dem, worauf ich als nächstes eingehen möchte: Eine qualitativ andere Herangehensweise an die Frage – und eine neue Synthese von – der Diktatur des Proletariats.

Ein fester Kern mit viel Elastizität

Das Konzept des festen Kerns mit viel Elastizität ist ein umfassendes Konzept mit weitreichender Bedeutung in der neuen Synthese insgesamt. Es findet seine Anwendung sowohl vor der revolutionären Machtergreifung als auch im Sozialismus und sogar Kommunismus. In seinem Vortrag Making Revolution and Emancipating Humanity sagt Avakian dazu Folgendes:

„Nun, diese ganze Herangehensweise, diese neue Synthese, wurde in der folgenden Formulierung zusammengefasst: ‚ein fester Kern mit viel Elastizität’. Aber diese Formulierung muss als eine konzentrierte Zusammenfassung – ein konzentrierter Ausdruck von diesem ganzen reichhaltigen Prozess – verstanden werden. Er darf nicht in noch eine bedeutungslose Phrase umwandelt werden: in ein Art religiöses Konzept, das ohne jegliche Substanz stets wiederholt wird. Was der Ausdruck ‚ein fester Kern mit viel Elastizität’ beinhaltet, muss verstanden und in einer lebendigen Weise durch den ganzen revolutionären Prozess angewandt werden – bevor und nach der Machtergreifung und die Gründung eines sozialistischen Staates…

Ich habe schon über die vier Ziele des festen Kerns in sozialistischer Gesellschaft gesprochen – nämlich: die Macht für die proletarische Revolution aufrechtzuerhalten; den festen Kern zu jeder gegebenen Zeit so viel wie möglich zu vergrößern; stets dafür zu arbeiten, um den Unterschied zwischen den festen Kern und den Rest der Gesellschaft zu verringern und letztendlich zu überwinden (hier geht es um das ‚Absterben des Staates’); und zu jeder gegebenen Zeit das Maximum an Elastizität auf Basis des notwendigen festen Kerns zu fördern. Alle vier dieser Ziele bilden eine Einheit und sind voneinander abhängig und bedingen sich gegenseitig – in der einen oder anderen Weise. Und, wie ich es sagte, auch in kommunistischer Gesellschaft – obwohl in einer radikal anderen Weise – wird das gleiche Prinzip Geltung haben, weil es mit dem Charakter der Realität und ihrer Entwicklung durch widersprüchliche Bewegung übereinstimmt bzw. ein Ausdruck davon ist.“[x]

Um es Klar zu sagen: Wir reden über Unterschiede von und Brüche mit wichtigen Aspekten der Herangehensweise, die in den Gesellschaften vorherrschte, von denen gesagt werden kann, dass sie wirklich sozialistisch und in der Tat revolutionär waren, aber nichtsdestotrotz ihre Mängel hatten. Hierbei geht es nicht darum, wie es jemand ausgedrückte, „die guten Spielzüge ausführen, nicht die schlechten“; dies ist eine ganz andere Herangehensweise, die auf den Durchbrüchen in der kommunistischen Weltanschauung und Erkenntnistheorie gründet, die ich vorher angesprochen habe; ein Weg, um die Frage „um welchen Preis“ richtig beantworten zu können, und ein Weg, die Sache auf eine andere Art zu führen und auf eine höhere Stufe zu bringen.

Nehmen wir das Thema der offiziellen Ideologie, welche ein Merkmal der vorherigen sozialistischen Gesellschaften war. Nun, so wie ich sagte, muss die Partei in der sozialistischen Gesellschaft führen und die Partei selbst muss sich um die kommunistische Ideologie vereinigt haben, welche es ihr ermöglicht, die Menschen dabei anzuführen, die Realität richtig zu verstehen und zu verändern. Die Partei ist jedoch ein freiwilliger Zusammenschluss. Aber was passiert, wenn jeder und jede in der Gesellschaft, ob in der Partei oder nicht, sein oder ihr Einverständnis mit dieser Ideologie bekennen muss, um sich Gehör zu verschaffen oder überhaupt zurechtkommen zu können?

Nun, Fakt ist, dass die meisten Menschen diese Weltanschauung nicht direkt nach der Revolution, unmittelbar, nachdem sie die kapitalistische Gesellschaft hinter sich gelassen haben, als ihre Weltanschauung annehmen werden. Avakian hat die Metapher eines Fallschirms benutzt, um zu beschreiben, wie sich während einer Revolution die Dinge sozusagen „komprimieren“, wie sich die Gesellschaft in zwei Pole trennt – einer, der relativ eng mit dem revolutionären Lager verbunden ist, und ein anderer, der die Reaktion verteidigt. Aber nach der Revolution wird der sich zusammengezogene Pol des Volkes sich, wie ein Fallschirm, wieder öffnen. Wie Avakian es in The Basis, The Goals, and The Methods of Communist Revolution schreibt, nachdem die Revolution an die Macht kommt:

„… all die Vielfalt an politischen Programmen, Auffassungen, Tendenzen usw. sind – abermals, sowohl eine Widerspiegelung der tatsächlich noch bestehenden, für die alte Gesellschaft charakteristischen, Produktions- und Gesellschaftsverhältnisse, als auch dessen, was neu in der Gesellschaft entstanden ist; das, was als Resultat der revolutionären Machtergreifung und der Befestigung der Macht hervorgebracht wurde – all dies sind Dinge, die sich geltend machen oder wieder zum Ausdruck kommen werden. Und wenn du von der Annahme ausgehst, dass sich die Menschen in einem gewissen Moment, weil in diesem nur dein Programm zum Durchbruch führen konnte, um dich sammelten – wenn du dies mit der Vorstellung gleichsetzt, dass sie alle zu jedem Zeitpunkt auf dem ganzen Weg bis hin zum Kommunismus im Gleichschritt und Einverständnis mit dir marschieren werden – so wirst du sehr ernste Fehler machen …“[xi]

Es ist nicht wie bei der Wiedergeburt Christi, bei der jeder gerettet wird und „das Licht sieht“ – Gott sei Dank! Es ist eine sozialistische Gesellschaft. Du kannst Menschen dabei anführen, sodass sie eine Menge neuer Sachen – eine Menge wichtiger und emanzipatorischer Dinge – tun und einen ganzen Prozess in Gang setzen, bei dem die Menschen die ganze Gesellschaft und sich selbst in eine positive Richtung verändern… Aber es kann nicht so getan werden, als ob jeder plötzlich die kommunistische Methode, Anschauungsweise und den kommunistischen Standpunkt nicht nur verstünde, sondern auch an ihnen festhalten und sie anwenden würde. Und wenn wir versuchen würden, so zu führen, als wäre dies schon der Fall, dann werden wir a) nicht in Übereinstimmung mit der objektiven Realität handeln, und b) als eine Folge davon den ganzen Prozess hemmen und verzerren, durch den die Menschen dazu kommen, die Wahrheit zu erkennen, und darüber hinaus wird so eine Vorgehensweise eine verlogene, starre und frostige Atmosphäre verursachen.

Es muss eine führende Ideologie geben – und der Unterschied in der sozialistischen Gesellschaft ist der, dass wir es offen äußern werden, statt dies zu verschleiern, so wie die Kapitalisten es tun – aber die Menschen, die unsicher sind, ob sie mit ihr übereinstimmen, sollten sich frei fühlen, dies zu sagen, und Menschen, die nicht mit ihr übereinstimmen, sollten dies zweifellos sagen können, und es sollte darüber eine Auseinandersetzung geben.

Ein ähnliches Prinzip muss im politischen Bereich angewandt werden. Auf einer Ebene muss die Partei die Initiative ergreifen und die Menschen für zentrale Ziele mobilisieren und aktivieren. Sie muss die Rahmen der Auseinandersetzung setzen. Und ja, dies kann und muss ein lebhafter, inspirierender und bewusstseinserweiternder Prozess sein – wie es schon in der Vergangenheit, nicht nur in China, sondern auch zumindest in den ersten eineinhalb Jahrzehnten in der Sowjetunion der Fall war.

Aber wie sieht es mit der Spontaneität von unten aus? Wie sieht es aus mit Sachen, die so aussehen, als würden sie sich in eine ganz andere Richtung entwickeln oder die den zentralen politischen Standpunkten und Aktivitäten, welche von der Partei propagiert werden, entgegenstehen? Was ist mit den verschiedenen Kunstszenen, die eigenständig entstehen, wie der Beat-Kaffeehausszene in den 50ern und 60ern oder der HipHop-Szene und den Graffiti-Crews, die in der Südbronx vor 30 Jahren entstanden sind, oder den „Spoken Word Poetry Slams“ in den 90ern – also Sachen, die unter den Volksmassen entstehen und möglicherweise einen oppositionellen oder zumindest „unkontrollierten“ Charakter haben werden? Was ist mit politischen Gruppen, die Fragen debattieren wollen, ohne Parteimitglieder dabei zu haben, oder Aktionen machen wollen, die sich gegen Projekte richten, sogar wichtige Projekte, an denen die Partei und die Regierung beteiligt sind? Was ist mit Lehrern, die Theorien und Interpretationen lehren wollen, welche nicht mit dem Verständnis der Partei übereinstimmen?

Um offen zu sein, gab es nicht sehr viel Platz für solche Dinge in den bisherigen sozialistischen Gesellschaften. In Making Revolution and Emancipating Humanity kritisiert Avakian eine Tendenz, die in China und noch mehr in der Sowjetunion vorhanden war und die „zur Einschränkung … des Prozesses der sozialistischen Umwandlung führte; und insoweit diese Tendenz sich geltend machte, führte sie zu einigen Fehlern bei der Handhabung der Beziehung zwischen dem Ziel und dem Prozess, sodass das, was zu einer bestimmten Zeit gemacht wurde, mit dem Ziel selbst gleichgesetzt wurde – oder zumindest gab es Tendenzen in diese Richtung – statt all dies als einen Teil eines Prozesses in Richtung eines höheren Ziels zu verstehen. Und damit einhergehend gab es eine Einengung des Verhältnisses zwischen der notwendigen Hauptrichtung der Entwicklung, in grundsätzlichem Sinne, und dem, was objektiv gesehen, ‚Umwege’ oder eine Abkehr von dieser Hauptrichtung waren, welche aber als gefährliche Abweichungen von dieser Hauptrichtung betrachtet und so behandelt wurden. Dies hat zu einem gewissen Maß und manchmal in einem bedeutenden Maß zu einem Ersticken von Kreativität, Initiative, individuellen Ausdrucksweisen und, ja, Grundrechten im gesamten Prozess geführt; vor allem, wenn diese scheinbar – oder kurzfristig tatsächlich im Widerspruch – mit den erklärten Zielen des sozialistischen Staates und seiner führenden Partei standen.“[xii]

Auf einer sehr grundlegenden Ebene brauchen wir tatsächlich intellektuelle Gärung, um die Welt zu verstehen. Gärung, Debatte, Experimentieren – intellektuelle „Luft“ – öffnet uns ein Fenster zu all dem, was zu jeder gegebenen Zeit unter der Oberfläche der Gesellschaft brodelt und zu den möglichen Wegen zur Lösung und zum Fortschritt, die durch dieses Brodeln eröffnet werden: Sie helfen uns zu erkennen, wo wir vielleicht falsch oder einseitig vorgehen. Ohne dies würde die Dialektik zwischen der Partei und den Massen – zwischen Führern und Geführten – dazu tendieren, sehr „einseitig“ zu sein; der kritische und kreative Geist würde auf beiden Seiten abstumpfen.

Wenn wir versuchen würden, den Menschen einen kritischen Geist innerhalb einer sterilen Atmosphäre beizubringen, wird das nicht funktionieren – die Menschen müssen geführt werden, aber sie müssen ebenso für sich selbst lernen und die Führung muss selbst dadurch verändert und revolutioniert werden. Um diesen Prozess richtig zu gestalten, benötigen wir Gärung, Auseinandersetzung und regelrechte Zügellosigkeit. Während der Kulturrevolution gab es jede Menge davon – aber bei der neuen Synthese reden wir von etwas, was ein viel größeres Ausmaß annimmt und verschiedene Elemente und Dynamiken beinhaltet.

Und lasst uns offen darüber reden: Nach zehn Jahren der Kulturrevolution in China – dem Besten, was die vorherige Vorstellung von Sozialismus hervorgebracht hat – haben die meisten Menschen nicht wirklich verstanden, was in diesem letzten Kampf auf dem Spiel stand. Nun, der andersartige Charakter und das größere Ausmaß von Gärung, welchen die neue Synthese vorsieht, ist ein wichtiger Teil der Antwort darauf, wie wir es beim nächsten Mal besser machen können.

„An den Rand einer Vierteilung gehen“

Avakian hat als Metapher den Vergleich zwischen dem Auswerfen eines Köders beim Angeln … und dem „festen Kern mit viel Elastizität“ gezogen. Lasst uns ein Beispiel nehmen. Wir könnten eine Situation haben, in welcher die sozialistische Regierung entschieden hat, an einen bestimmten Ort einen Staudamm zu errichten, um einigen sehr notwendigen materiellen Bedürfnissen der Menschen zu entsprechen – und ganz nebenbei, eine revolutionäre Gesellschaft wird dringende notwendige materielle Anforderungen und Bedürfnisse haben, weil wir nicht mehr das Blut der Menschen der ganzen Welt aussaugen werden (!) – und jemand wie Arundhati Roy (eine sehr berühmte und nicht-kommunistische indische Schriftstellerin und fortschrittliche Aktivistin) würde dagegen agitieren. Und nach der neuen Synthese würden wir das nicht nur einfach tolerieren – wir würden ihr Sendezeit einräumen und sie finanziell unterstützen, sogar wenn sie gegen uns organisieren würde und Demonstrationen und vielleicht sogar eine massive Sitzblockade anführen würde. Du würdest dich auf die Auseinandersetzung einlassen, dich einbringen und die Debatte mitmachen müssen. Falls sie recht hat – sogar wenn nur teilweise – dann müsstest du von ihr lernen. Und falls sie nicht recht hat, müsstest du immer noch die Menschen für dich gewinnen – nicht in einer Debatte mit einem Strohmann, sondern mit einem leidenschaftlichen, redegewandten und überzeugten Vertreter dieser Position.[xiii]

Und es würde NICHT risikofrei sein – weil Menschen, deren Absichten nicht gut sind, mit ziemlicher Sicherheit innerhalb so einer Situation arbeiten und manövrieren würden, und sie würden probieren, solche Auseinandersetzung in etwas umzuwandeln, was tatsächlich den Versuch darstellt, den sozialistischen Staat zu zerstören. Und lasst uns nicht vergessen, wenn wir die Macht aufgeben würden, wenn wir die bourgeoisen Kräfte (ob alte oder neue) den Kapitalismus restaurieren lassen würden, würden wir ein großes Verbrechen an all den Menschen begehen, die Opfer erbrachten, um diese Macht zu gewinnen, und sogar mehr noch, an der gesamten Menschheit.

Der feste Kern wird die Tagesordnung und den Rahmen setzen. Aber innerhalb dessen wird er die maximal mögliche Elastizität zu jeder Zeit entfesseln und ermöglichen, während er immer noch die Macht behauptet – und sie als eine Macht bewahrt, die zum Kommunismus führt, in Richtung der Erlangung der „4-Sämtliche“ fortschreitet, zusammen mit dem Kampf rund um die ganze Welt. Nun, während der feste Kern dies tut, wird er zu jeder Zeit Einschränkungen gegenüberstehen, einschließlich der Art von Drohung, die vom Imperialismus ausgeht. Manchmal wird uns die Lage erlauben, die Zügel recht locker zu lassen und manchmal werden wir die Zügel fest in die Hand nehmen müssen; aber insgesamt werden wir strategisch hauptsächlich versuchen, die Elastizität zu fördern und mit ihr zu arbeiten, damit wir von ihr lernen können, und dabei versuchen zu verstehen, wie wir die Dinge führen, damit das alles eine Antriebskraft wird, die tatsächlich dazu beiträgt – wenn auch nicht direkt, unmittelbar oder kurzfristig, aber im Allgemeinen – zum Erreichen des Endziels. Und all dies zu begreifen, wird eine Herausforderung sein, kompliziert und voll von Risiko.

Das ist der Grund, warum Avakian so oft davon redet, „an den Rand einer Vierteilung zu gehen“ – und zu VERSUCHEN dies zu tun! Die Rolle von Dissens und Andersdenkenden ist ein INTEGRALER BESTANDTEIL dieses Sozialismusmodells, auch wenn sie auf gewisse Weise zu einer bestimmten gegebenen Zeit die ganze Sache radikal verkomplizieren wird. Noch mal, wenn du nicht dazu bereit bist, an den Rand der Vierteilung zu gehen – und Vierteilung ist eine Folterart bei der deine Arme und Beine in vier verschiedene Richtungen gezerrt werden(!) – wird am Ende dein fester Kern sehr brüchig werden … und deine Elastizität wird nicht sehr … nun ja … elastisch. Und um ganz deutlich zu sein: Dies ist ein strategisches Konzept und ist nicht mit einem „Hin und Her“ vergleichbar – und sollte nicht darauf reduziert werden – nicht mit einem Gezerre, das durch verschiedene Herausforderungen aus vielen verschiedenen Richtungen entstanden ist, und es ist auch nicht vergleichbar mit der Notwendigkeit, viele verschiedene Aufgaben gleichzeitig erledigen zu müssen. Diese Konzeption von „an den Rand einer Vierteilung zu gehen“ bezieht sich auf etwas ganz anderes, etwas Komplexeres, Grundsätzlicheres und strategisch Wichtigeres.

Zusätzlich zum Dissens dieser Art hat Avakian, als Teil dieses Modells, auch die Idee von freien Wahlen zur Diskussion gestellt, bei denen Schlüsselprobleme, denen der Staat gegenübersteht, ergebnisoffen und lebhaft debattiert und entschieden werden; von einer Verfassung (einschließlich der Einschränkungen, die diese an der Partei stellt); von einer erweiterten Vorstellung von individuellen Rechten; von der Existenz einer Zivilgesellschaft mit regierungsunabhängigen Organisationen; und von einer ganz neuen Art, den Widerspruch zwischen geistiger und körperlicher Arbeit anzupacken, einschließlich einer anderen Ansicht über die Rolle der Intellektuellen.

Ein letzter Punkt in diesem Zusammenhang: Wer BILDET den festen Kern? Der feste Kern ist nicht identisch mit der Partei und er ist nicht identisch mit irgendeiner Art von monolithischem Proletariat. Zu jeder gegebenen Zeit stellt der feste Kern eine Minderheit dar – in der ersten Phase der sozialistischen Gesellschaft sind es die, die sich dem Ziel des Übergangs zum Kommunismus fest verpflichtet fühlen; und im Verhältnis dazu wird es Menschen aus verschiedenen Klassen und Schichten geben, die sich im unterschiedlichen Maße in Beziehung dazu gruppieren werden. Der feste Kern muss Wurzeln im Proletariat haben, und die Führung muss ständig mehr Menschen, die am meisten durch die übrig gebliebenen Widersprüche des Kapitalismus „den Kürzeren gezogen“ haben, nach vorne bringen und entfesseln – z. B. Menschen, die in der alten Gesellschaft nicht für Kopfarbeit ausgebildet worden sind, oder Frauen aus verschiedenen Schichten (als auch Männer), die die Frauenbefreiung vorantreiben wollen.

Aber das Proletariat selbst ist kein statisches Phänomen – es ist sehr vielschichtig und macht sehr dynamische Veränderungen durch: Sowohl durch seine Teilnahme an allen Sphären der gesellschaftlichen Aktivitäten, als auch durch den ganzen Prozess des Zusammenlebens mit, und der Umwandlung von, der Mittelschicht – von der es auch lernt. Es gibt verschiedene Klassen und unterschiedliche Ausmaße an Verpflichtung zum kommunistischen Projekt, und mit diesem Widerspruch müssen wir arbeiten – aber nicht von oben herab. Es geht darum, einen Prozess zu entfesseln, und darum, uns dann zusammen mit den Massen in diesem Prozess zu engagieren.

Diese Vorstellung unterscheidet sich sehr von früheren Ansichten, deren Verständnis vom Proletariat auf eine Art von Reifikation [Verdinglichung] dessen beruhte – von einer Ansicht, die die welthistorische Rolle des Proletariats als die Klasse, welche die neuen Produktionsverhältnisse verkörpert, mit den individuellen Menschen verwechselt, die zu der jeweils gegebenen Zeit diese Klasse ausmachen. Wie ich kurz vorher in der Diskussion über die „Klassenwahrheit“ erwähnte, kam diese Reifikation zum Ausdruck, indem die Klassenherkunft der Menschen betont wurde, als es darum ging, ihre Meinungen und Qualifikationen für Führungs- und Verantwortungspositionen auszuwerten; diese Ansicht behauptete, dass, insofern Arbeiter und Bauern solche Stellen innen hatten, eine Garantie gegen Revisionismus gegeben wäre. Dies war bei Stalin sehr deutlich erkennbar, fand aber auch auf verschiedener Art und Weise ihren Ausdruck bei Mao und in der Chinesischen Revolution

Nochmals zur neuen Synthese

Wir haben also in Bezug auf die politischen Implikationen der neuen Synthese viele Punkte angesprochen, insbesondere was den Sozialismus angeht. Bevor wir jedoch zur Frage der Strategie übergehen und auf der Basis von all dessen, was ich bisher gesagt habe, möchte ich, dass alle darüber nachdenken, wie viel die folgende Beschreibung der neuen Synthese aus dem 1. Teil von Making Revolution and Emancipating Humanity beinhaltet, und welch eine tief gehende Bedeutung dies hat:

„Diese neue Synthese beinhaltet eine Umgestaltung und Rekombination der positiven Aspekte der bisherigen Erfahrungen der kommunistischen Bewegung und der sozialistischen Gesellschaften, während gleichzeitig von den negativen Aspekten dieser Erfahrung in der philosophischen und ideologischen sowie politischen Dimension gelernt wird, um eine tiefere und fester verwurzelte wissenschaftliche Orientierung, Methode und Herangehensweise zu haben; nicht nur in Bezug darauf, wie eine Revolution zu machen ist und die Macht ergriffen wird, sondern auch, ja, wie innerhalb der sozialistischen Gesellschaft die materiellen Erfordernisse der Gesellschaft und die Bedürfnisse der Massen in stets zunehmendem Maße erfüllt werden – die tiefen Narben der Vergangenheit überwunden werden und die revolutionäre Transformation der Gesellschaft fortgeführt wird, während gleichzeitig der weltweite revolutionäre Kampf aktiv unterstützt wird und die Berücksichtigung bzw. Anerkennung der Weltarena und des Kampfes auf Weltebene im umfassenden Sinne äußerst grundlegend und wichtig ist – zusammen mit der Öffnung von qualitativ mehr Raum, um den intellektuellen und kulturellen Bedürfnissen der Menschen – allgemein verstanden – Ausdruck zu verleihen und einen mannigfaltigeren und reichhaltigeren Prozess der Erforschung und des Experimentierens im Bereich der Wissenschaft, Kunst und Kultur und des intellektuellen Lebens insgesamt zu ermöglichen, mit wachsendem Spielraum für den Wettstreit unterschiedlicher Ideen und Denkschulen und für individuelle Initiative und Kreativität und den Schutz der Grundrechte von Individuen, einschließlich Raum für die Interaktion von Individuen in einer vom Staat unabhängigen „Zivilgesellschaft“: Das alles innerhalb eines kooperativen und kollektiven Rahmens, während gleichzeitig die Staatsmacht aufrechterhalten und als eine revolutionäre Staatsmacht weiterentwickelt wird, die der proletarischen Revolution in einem einzelnen Land und weltweit dient, mit diesem Staat als führendes und zentrales Element in der Wirtschaft und in der allgemeinen Ausrichtung der Gesellschaft, während der Staat selbst kontinuierlich in etwas umwandelt wird, das sich radikal von allen vorherigen Staaten unterscheidet, als ein entscheidenden Teil des Voranschreitens hin zur letztendlichen Abschaffung des Staates mit der Erlangung des Kommunismus auf Weltebene.“[xiv]

Ich möchte es so ausdrücken: Die erste Etappe in der Geschichte unserer Bewegung war epochal und heroisch; sie verdient und erfordert ein tieferes Studium und sie muss verteidigt und aufrechterhalten werden. Aber selbst die besten Aspekte dieses Verständnisses an und für sich würden und werden die Menschheit nicht zum Kommunismus führen. Mit der neuen Synthese ist diese Aussicht wieder eröffnet worden. Wie es ein Genosse ausgedrückt hat, ist sie wie ein neuer Zweig am Stammbaum der Evolution.

Teil V: Strategische Implikationen – Revolution machen

Das ist eine unglaublich inspirierende Vision einer anderen Gesellschaft – einer Gesellschaft, in der die überwiegende Mehrheit der Menschen wirklich gern leben wollen würde.

Aber wie erreichen wir diese neue Gesellschaft? Dies bringt uns zum letzten Punkt dieses Vortrags: die Frage der revolutionären Strategie – und insbesondere die in den imperialistischen Ländern. Wiederum wird es mir nur möglich sein, einige der Schlüsselkonzepte anzuschneiden.

Zunächst einmal sind Revolutionen ernste Angelegenheiten. Revolutionen in einem Land wie diesem können nur dann stattfinden, wenn die Gesellschaft als Ganzes von einer tief gehenden Krise ergriffen wird, die im Grunde als Folge des Wesens und der Wirkungsweise des Systems selbst entsteht, und wenn damit das Hervortreten eines revolutionären Volkes in millionen- und abermillionenfacher Stärke einhergeht, eines revolutionären Volkes, das sich der Notwendigkeit der revolutionären Umwälzung bewusst ist und entschlossen ist, für diese zu kämpfen. Wenn du die Avantgarde bist, muss alles, was du tust, dazu dienen, diese Situation zu erlangen – alles, was du tust, muss in Bezug darauf gemessen werden – alles, was du tust, muss auf die Revolution hinzielen. Alles andere wird nicht hinhauen – und führt zur Kapitulation.

Das Objektive, das Subjektive und… das Beschleunigen während abgewartet wird

Aber noch mal – wie kommen wir dahin? Ein wichtiges Konzept hier ist das, was wissenschaftlich das „Verhältnis zwischen dem objektiven und dem subjektiven Faktor“ genannt wird. Der objektive Faktor beinhaltet die materiellen Bedingungen der Gesellschaft und die ihnen zugrunde liegenden Dynamiken; die breiteren politischen und ideologischen Strömungen, die sich im Verhältnis dazu – und in mancher Hinsicht autonom davon – umherkursieren; die (gegensätzlichen) Richtungen, in die sich all diese bewegen und verändern; die Stimmungen, Ansichten und Ideen verschiedener Teile der Volksmassen usw. Der subjektive Faktor bezieht sich auf die Menschen, die versuchen, all dies zu verändern – oft meinen wir damit die Partei, aber manchmal kannst du es auch, je nach Kontext, auf die Bewegung im breiteren Sinne beziehen.

Nun, dies ist ein dialektisches Verhältnis: das Objektive und das Subjektive unterscheiden sich voneinander, aber sie durchdringen sich gegenseitig und wandeln sich ineinander um. Der objektive Faktor ist wie das Spielfeld, auf dem die Partei agiert, und es bestimmt im Ganzen die Bedingungen und den Rahmen. Aber dieser Rahmen ist nicht starr und vorherbestimmt – das Spielfeld verändert ständig seine Dimensionen – und der objektive Faktor kann durch den subjektiven Faktor beeinflusst werden. Zudem ist die Partei selbst manchmal ein großer Teil der objektiven Situation – sie kann einen großen Kampf anführen, im Zentrum eines Angriffs stehen oder eine große Wirkung durch eine ideologische Initiative entfalten. Die Menschen werden deshalb über sie reden, und dadurch wird der subjektive Faktor zum Teil des objektiven Faktors. Und gleichzeitig wirkt der objektive auf den subjektiven Faktor – die Partei wird in unterschiedlicher Weise durch die Stimmungen und Ansichten der Massen und die der Menschen, die ihr Umfeld bilden, mit ihr arbeiten und ihr beitreten, beeinflusst.

Aber die gängige Meinung in unserer Bewegung war es, eine konzeptionelle Mauer zwischen den Beiden zu errichten und eine passive Einstellung gegenüber dem objektiven Faktor einzunehmen – die kommunistische Arbeit darauf zu reduzieren, Initiativen zu ergreifen, die im Grunde das widerspiegeln, was die Massen bereits tun, und dies dann zu „organisieren”. Eine solche Sichtweise stellt keine ideologische Herausforderung an die Menschen dar, außer den schon vorhandenen „Kampf aufzunehmen“. Bob Avakian hat darauf hingewiesen, dass der „deterministische Realismus” – oder der so genannte „revolutionäre Realismus“, wie es zurzeit in Deutschland heißt – diesen Ansichten zugrunde liegt: Die Idee, dass die Parameter revolutionärer Arbeit durch das, was bereits existiert, sehr eng vorherbestimmt und eingeengt sind, und die Annahme, dass es ewig in die gleiche Richtung weitergeht ohne radikale Brüche oder plötzlichen Wandel, ohne irgend etwas, was sich auf diese Entwicklungsrichtung auswirken kann und ohne die Möglichkeit, dass neue Dinge auf unerwarteter Weise durch die bestehenden Widersprüche entstehen können.

Aber eigentlich wimmelt die Realität nur so von Widersprüchen. Geschichte, wie auch die Natur, ist voll von plötzlichen Sprüngen. Aufgrund dessen können sehr kühne Initiativen, die vom subjektiven Faktor in Angriff genommen werden (solange sie auf den realen Dynamiken der materiellen Realität gründen) eine galvanisierende und elektrisierende Wirkung haben; sie können, wie es heißt, „das ganze Spiel zum Kippen bringen“. Doch die deterministische Sichtweise ist Ereignissen weder achtsam noch wachsam gegenüber, die möglicherweise die ganze Situation – abhängig davon, was die Avantgarde tut – verändern können.

Nun, du kannst nicht einfach die Revolution auf der Basis von purem Willen beginnen. So vorzugehen, würde uns und die Massen in eine sehr schlechte Situation bringen. Aber es ist die überwiegende Haupttendenz in den imperialistischen Ländern gewesen, die Revolution in der Tat, wenn nicht sogar in Worten, aufzugeben und die große potenzielle Dynamik des subjektiven Faktors und des Bewusstseins nicht zu begreifen oder sich dem entgegenzustellen.

Auf der Grundlage eines korrekten und tiefen Verständnisses dieses Widerspruchs hat Bob Avakian ein Konzept von Mao übernommen: Die Entwicklung der Revolution voranzutreiben, während gleichzeitig auf günstige Entwicklungen in der objektiven Situation abgewartet wird – auf solche Zeiten, in denen alles auf dem Spiel steht. Aber auch dies ist dialektisch und nicht mechanisch: Wir wirken auf die Bedingungen ein, mit der Erwartung und dem Verständnis, dass das nicht nur ein Teil der Vorbereitung auf große Veränderungen in der objektiven Situation ist, sondern auch zum Herbeiführen und in größtmöglichem Ausmaß zur Gestaltung dieser beiträgt, wenn diese Veränderungen in der Tat eintreten. Wir reizen die aktuellen Grenzen und Rahmenbedingungen aus. Und wir tun all dies mit dem Bewusstsein, dass sich die scharfen Widersprüche des Systems auf ganz unterschiedliche und unerwartete Art und Weise ausdrücken. Um noch einmal aus der Rede Making Revolution and Emancipating Humanity zu zitieren:

„[O]bwohl die Veränderungen in dem, was für uns objektiv ist, nicht gänzlich, oder vielleicht nicht mal hauptsächlich, durch unser ‚Einwirken auf’ die objektiven Bedingungen (in direktem, eins-zu-eins Sinne) entstehen werden, kann unseres ‚Einwirken auf’ diese dennoch, innerhalb des jeweils gegebenen Rahmens der objektiven Bedingungen, bestimmte Veränderungen bewirken und – in Verbindung mit und als Teil einer ‚Mischung’ zusammen mit vielen anderen Elementen, einschließlich anderer Kräfte, die von ihrem eigenen Standpunkt aus auf die objektive Situation einwirken – kann dies, unter bestimmten Umständen, Teil eines Zusammentreffens von Faktoren sein, die in einer qualitativen Veränderung münden. Und noch einmal, es ist wichtig zu betonen, dass niemand genau wissen kann, wie sich all dies entwickeln wird.“[xv]

Ob du nun diese Linie und die Orientierung des „Beschleunigens, während abgewartet wird“ annimmst, ist nicht bloß eine moralische Frage – in Wirklichkeit geht es darum, ob eine revolutionäre Situation überhaupt entstehen wird und offen gesagt, ob du dich überhaupt nach ihr hinorientierst und in der Lage sein wirst, das Potenzial für eine solche zu erkennen.

Im Lichte dessen – und angesichts all dessen, worüber wir heute gesprochen haben – ist die folgende Passage (ebenfalls aus dem 1. Teil von Making Revolution and Emancipating Humanity) eine der wichtigsten aus dem Gesamtwerk von Bob Avakian überhaupt. Nun, es werden zahlreiche wissenschaftliche Begriffe verwendet, von denen ich schon viele zuvor erläutert habe; aber um es verstehen zu können, sollten wir alle wissen, dass sich in philosophischem Sinne der Begriff „Notwendigkeit“ auf die zu einer gegebenen Zeit vorhandene objektive Realität bezieht, auf die gegensätzlichen Richtungen, in die sich die Dinge bewegen und entwickeln und sowohl auf die Einschränkungen der Entwicklung als auch auf die möglichen Entwicklungspfade. Und der Begriff „Überbau“ bezeichnet, im Unterschied zu dem der Produktionsverhältnisse, die politischen Institutionen, die Kultur, die Ideen usw. in der Gesellschaft.

So, hier nun das, was Avakian schreibt:

„Aber grundsätzlich (und, sozusagen, all dem zugrunde liegend) liegt die Freiheit in der Einsicht in die Notwendigkeit und deren Umwandlung. Der Punkt ist der, dass diese Einsicht und die Fähigkeit diese Umwandlung durchzuführen, durch viele verschiedene ‚Kanäle‘ verläuft und nicht in einer positivistischen, reduktionistischen oder linearen Weise daran gebunden ist, wie die hauptsächlichen Widersprüche in der Gesellschaft zu einer gegebenen Zeit zum Ausdruck kommen. Wenn dies der Fall wäre – oder wenn wir so an die Sache herangehen würden – würden wir die Rolle der Kunst und einen Großteil des Überbaus insgesamt liquidieren. Warum kämpfen wir im Bereich der Moral? Wir tun dies, weil innerhalb des Überbaus eine relative Initiative und Autonomie vorhanden ist. Und je korrekter dies zum Ausdruck kommt, desto besser wird es: und zwar sowohl in Bezug auf die Art der Gesellschaft, die wir zu einer gegebenen Zeit haben, als auch in Bezug auf unsere Fähigkeit zur Einsicht in die Notwendigkeit sowie durch den Kampf, Notwendigkeit umzuwandeln.“[xvi]

Bereicherter Was-Tun-ismus

Dies ist zentral für das sehr wichtige strategische Konzept des ‚Bereicherten Was-Tun-ismus’. Und dieses Konzept richtet sich gegen die ganze Tradition in der kommunistischen Bewegung, die als „Ökonomismus“ bezeichnet wird. Ökonomismus bedeutete ursprünglich, dass die Aufmerksamkeit der Arbeiter auf Kämpfe um Löhne, Arbeitsbedingungen, Gewerkschaften usw. beschränkt wird; aber es wurde zu einer Bezeichnung für jede Art von Strategie, die sich darauf konzentriert, die Massen für Kämpfe um „greifbare Ergebnisse“ zu mobilisieren. Niemand gesteht offen ein, dass er/sie den Kommunismus nicht in die Massen hineintragen will – sie sagen einfach, dass „jetzt nicht die Zeit dafür ist“, und dass der Kampf für die unmittelbaren Forderungen der beste Weg ist, um in Position zu kommen, um dies zu tun … später irgendwann.

Lenin wandte sich bereits vor 100 Jahre in seinem bahnbrechenden Buch Was tun? gegen diese Ansicht. Lenin wies darauf hin, dass der Kommunismus eine Wissenschaft ist, die außerhalb des Proletariats entstand und von außen in das Proletariat hineingetragen werden muss; dass Kommunisten Volkstribune sein müssen, die jedes größere Ereignis aufgreifen können, um all ihre kommunistischen Überzeugungen darzulegen, und er stellte diese Ansicht der Mentalität der Gewerkschaftsfunktionäre entgegen, die Kämpfe für die unmittelbaren Bedürfnisse ihrer Mitglieder anführen. Und er sagte, dass wir, um dies zu tun und um die vielen anderen Aufgaben, die eine Revolution mit sich bringt, vorantreiben zu können, eine Avantgardepartei brauchen, die aus Proletariern und Menschen anderer Schichten, die sich die kommunistische Anschauung zu eigen machen und sich der kommunistischen Sache widmen, besteht.

Bis heute ist das alles sehr umstritten geblieben. Und das, worum es heute bei diesem Kampf geht, ist die Frage, ob die Massen dahin geführt werden, bewusste Befreier der Menschheit zu sein – oder ob sie im Gegenteil, wie Fußvolk behandelt werden, denen Einheitsbrei serviert wird und die im Wesentlichen von Leuten regiert werden, die dazu ausgebildet wurden, Kopfarbeit zu verrichten. Ich habe dies vorhin in Bezug auf die Diktatur des Proletariats angesprochen, aber auch schon heute kommt dies scharf zum Ausdruck.

Schau mal: Befreierin oder Befreier der Menschheit zu werden, bedeutet, einen gigantischen Bruch zu machen, und du kannst das nicht ohne Führung tun. Noch einmal: Menschen können nicht bewusst die Initiative ergreifen, um die Welt zu verändern, wenn sie nicht wissen, wie die Welt funktioniert; dazu brauchen sie Wissenschaft; und diese muss ihnen von Menschen vermittelt werden, die die Möglichkeit gehabt haben, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Ohne das – ohne eine Avantgarde, die diesen Namen wirklich wert ist – wird eine kommunistische Revolution niemals stattfinden. Und den Massen Einheitsbrei zu servieren, während du selbst das hast, was ein Genosse deinen „Tempel des geheimen Wissens“ nannte – und dies im Namen „der Massen“ zu tun – wäre nicht mal der Kritik wert, wenn es nicht so destruktiv, gefährlich und weit verbreitet wäre.

Nun wir nennen dies „bereicherten“ Was-Tun-ismus, weil Avakian, zusätzlich zu der Rettung und Wiederbelebung all der wesentlichen von Lenin entwickelten Prinzipien, die Wichtigkeit betont, die Massen in die Lage zu versetzen, sich in allen Bereichen der Gesellschaft zu engagieren, und dies von einem Standpunkt aus zu tun, der versucht, die ganze Welt zu verstehen und zu verändern, als auch die Notwendigkeit hervorhebt, die Schranken, die diesem Engagement im Wege stehen, zu dem jeweils möglichen Grad „niederzureißen“; und er hat, was von sehr großer Bedeutung ist, die Bedeutung davon unterstrichen, den Kommunismus selbst unerschrocken zu propagieren und die Massen mit den wichtigsten Fragen der Revolution – also Fragen, mit denen wir uns hier auseinandergesetzt haben – bekanntzumachen.

Bereicherter Was-Tun-ismus ist ein gesamtes Ensemble und kann nicht auf eine einzige Form der Aktivität reduziert werden – und, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was das heißt, empfehle ich dringend, den zweiten Teil von Making Revolution and Emancipating Humanity zu studieren. Kurz gesagt, während er die Orientierung des „Beschleunigens während auf die revolutionäre Situation abgewartet wird“ beinhaltet, umfasst er darüber hinaus die zentrale Rolle der revolutionären Zeitung; die Notwendigkeit, bei allem, was wir tun, unerschrocken für den Kommunismus einzutreten; die Wichtigkeit, die Werke von Bob Avakian zu propagieren; die Notwendigkeit, die Menschen um den Slogan „Fight the Power, Transform the People, for Revolution“ („Das System bekämpfen und die Menschen verwandeln, um Revolution zu machen“) zu organisieren, Revolution zu propagieren und den Widerstand gegen die wesentlichen Arten von Unterdrückung, welchen die Massen unter diesem System ausgesetzt sind, aufzubauen; Menschen für die Partei zu rekrutieren; und politische Initiativen, um die gesellschaftlichen „Bruchstellen“ herum, an denen sich die sozialen Schlüsselwidersprüche der jeweiligen Zeit konzentrieren, zu ergreifen.

Sehr wichtig ist auch die strategische Orientierung der Einheitsfront unter der Führung des Proletariats. Dies ist sowohl eine Orientierung als auch eine Methode – eine strategische Herangehensweise, um die verschiedene Klassenkräfte in einer Weise neu auszurichten, damit das Ziel der Revolution und die revolutionäre kommunistische Sichtweise, die wir heute diskutiert haben, nach vorn gebracht wird und sich in der Führungsposition etabliert. Dies vollzieht sich durch einen komplexen Prozess, den wir Einheit–Kampf–Einheit nennen: Das heißt, eine Einheit mit Menschen sehr unterschiedlicher sozialer Herkunft und verschiedenen Ansichten, um die zentralen sozialen Fragen zu schmieden – sowohl um die kritischen „Bruchstellen“ des Systems herum als auch um eine Reihe breiterer Fragen; um innerhalb dieser Einheit den Kampf über Fragen der ideologischen und politischen Weltanschauung durchzuführen und durch diesen Prozess der ernsten Auseinandersetzung diese Einheit auf ein höheres und festeres Niveau zu heben. Mit all dem zielen wir darauf, eine politische Repolarisierung zustande zu bringen – Spaltungen, Uneinigkeit und das Misstrauen zu überwinden und die Einheitsfront, die nötig sein wird, anzuführen, nicht nur um die Revolution zu machen, sondern auch um die Sache den ganzen Weg bis hin zur kommunistischen Gesellschaft durchzuführen.

Angesichts all dessen möchte auf das Buch Away With All Gods! Unchaining the Mind and Radically Changing the World (Deutsch: “Weg mit allen Göttern! Den Geist von seinen Ketten befreien und die Welt radikal verändern“) aufmerksam machen…, das sehr kraftvoll der Religion und der Art und Weise, in der der religiöse Glaube, wie Fesseln auf die Menschen wirkt, den Kampf ansagt. Dieses unerschrocken zu propagieren, gehört genau zu der Art von Dingen, mit denen wir die Menschen dazu herausfordern, mit ihrer mentalen Versklavung zu brechen und hervorzutreten, um zu Befreierinnen und Befreiern der Menschheit zu werden…

„Über die Möglichkeit von Revolution“

Schließlich ist es wichtig, an dieser Stelle noch eine sehr große Frage anzuschneiden: Ist es in einem Land wie den USA oder Deutschland möglich zu gewinnen? In diesem Zusammenhang möchte ich hier kurz aus einem sehr wichtigen Artikel vorlesen, der in Revolution, der Zeitung der RKP (USA), erschienen ist und den Titel „On the Possibility of Revolution“ (Deutsch: „Über die Möglichkeit von Revolution“) trägt. Darin heißt es:

„In einer Rede vom letzten Jahr mit dem Titel ‚Bringing Forward Another Way’ (der als Serie in Revolution veröffentlicht wird und der als Ganzes im Internet unter http://www.revcom.us gepostet ist) macht Bob Avakian auf die Tatsache aufmerksam, dass es ‚zwei Dinge [gibt], von denen wir nicht wissen, wie sie zu machen sind; nämlich, wie verstärkte Repressalien zu überstehen sind, und, wie wir tatsächlich gewinnen können, wenn die Zeit dafür reif ist. Wenn nun gesagt wird, dass es zwei Dinge gibt, von denen wir nicht wissen, wie sie zu machen sind… dann geht es dabei darum, die Aufmerksamkeit darauf zu richten, dass wir uns in Bezug auf diese Dinge an die Arbeit machen müssen, und zwar auf die geeignete Weise und nicht auf eine ungeeignete Weise.“

In Bezug auf die Frage des Gewinnens, wenn die Zeit dafür reif ist, sagt er weiter:

„Wir müssen die Frage aufgreifen und an die Frage des Gewinnens auf eine sehr ernste und nicht auf eine infantile Weise herangehen, und nicht auf eine Weise, die es einer solchen konzentrierten Macht der Reaktion [verkörpert durch die imperialistische herrschende Klasse] sogar noch erleichtern würde, jeden Versuch, eine neue Welt zu erschaffen, zu zerschmettern.“

Um diese Orientierung noch mehr zu unterstreichen, führt Avakian dann in „Bringing Forward Another Way“ eine Erklärung an, die in Revolution veröffentlicht worden ist und die den Titel „Some Crucial Points of Revolutionary Orientation – in Opposition to Infantile Posturing and Distortions of Revolution“ („Einige entscheidende Punkte der revolutionären Orientierung – gegen infantile Posen und Verzerrungen der Revolution“) trägt. Diese Erklärung beginnt wie folgt:

„Revolution ist eine sehr ernste Angelegenheit und sie muss auf eine ernsthafte und wissenschaftliche Weise angegangen werden, nicht jedoch durch subjektive und individualistische Ausdrücke der Frustration, durch Posen oder durch Handlungen, die der Entwicklung einer revolutionären Massenbewegung entgegenwirken – einer revolutionären Massenbewegung, die durch Mittel gekennzeichnet sein muss, welche dem Ziel einer radikal anderen und weitaus besseren Welt entsprechen und deren Schaffung dienen. Revolution und insbesondere kommunistische Revolution ist und kann nur ein Akt der Volksmassen sein, die organisiert und geführt werden, um einen in wachsendem Maße bewussten Kampf für die Abschaffung sämtlicher von Ausbeutung und Unterdrückung gekennzeichneter Systeme und Verhältnisse durchzuführen, und damit die Menschheit all diese überwindet.“ („Some Crucial Points“ erschien ursprünglich in Revolution Ausgabe-Nr. 55 vom 30. Juli 2007.)

In Übereinstimmung mit dieser Orientierung und auf Basis dessen, was in „Some Crucial Points“ gesagt wird, macht Avakian in „Bringing Forward Another Way“ einen Aufruf zum weiteren Studium und theoretischer Auseinandersetzung und Konzeption in Bezug auf das Problem, wie wir gewinnen können, wenn die Zeit dafür reif ist. Wie er es ausdrückt:

„Nun habe ich in vorherigen Vorträgen in Bezug auf die Frage des Gewinnens, in Bezug auf die Frage der Machtergreifung im Zusammenhang mit der Entstehung einer revolutionären Situation und eines revolutionären Volkes in seinen Millionen, von zwei Gleisen gesprochen. Im Lichte dessen, was ich gerade vorgelesen habe (nämlich der Text von ,Some Crucial Points of Revolutionary Orientation –in Opposition to Infantile Posturing and Distortions of Revolution’), und mit dieser als – sozusagen – Schablone oder Grundlage und von einem strategischen und nicht von einem unmittelbaren Standpunkt aus, sollten wir die Rolle dieser beiden Gleise und das dialektische Verhältnis zwischen ihnen verstehen. Es handelt sich um zwei voneinander getrennte Gleise, und nur im Falle einer qualitativen Veränderung der Situation (wie in dem Abschnitt, den ich gerade aus ,Some Crucial Points’ zitiert habe, die Rede war) … können diese beiden Gleise zusammenlaufen. Bis zu diesem Punkt können und müssen sie nur getrennt voneinander entwickelt werden.

Das erste Gleis, das jetzt im Mittelpunkt steht und den Hauptinhalt darstellt, ist die politische, ideologische und organisatorische Arbeit, die von der strategischen Orientierung der Einheitsfront unter der Führung des Proletariats geleitet wird und darauf zielt, die politische Vorbereitung für die Entstehung einer revolutionären Situation und eines millionenfachen revolutionären Volkes durchzuführen. Das ist die Bedeutung von: die Entstehung einer revolutionären Situation ‚voranzutreiben, während gleichzeitig abgewartet wird’.

Das zweite Gleis bezeichnet und beinhaltet im Wesentlichen die Entwicklung der Theorie und der strategischen Orientierung, um mit der Situation umgehen und gewinnen zu können, wenn diese beiden Gleise zusammengebracht werden können und sollen – also, mit einer qualitativen Veränderung in der objektiven politischen Landschaft, mit der Entstehung einer revolutionären Situation und eines revolutionären Volkes (wie ich es hier angesprochen habe und wie es auf konzentrierte Weise in ,Some Crucial Points‘ dargelegt worden ist). In dieser Hinsicht, was jetzt angebracht ist, ist dem Bereich der Theorie und des strategischen Denkens und Verständnisses Aufmerksamkeit zu schenken und auf einer tief gehenden und allseitigen Weise von unterschiedlichen Erfahrungen zu lernen. Es ist notwendig, all diese unterschiedlichen Erfahrungen zu studieren und sie aus einer richtigen strategischen Perspektive zu synthetisieren – alles, um Kenntnisse zu sammeln und das theoretische Verständnis und die strategische Konzeption zu vertiefen.“

Avakian hat einen Punkt von Mao ausgearbeitet und die grundlegende Orientierung unterstrichen, dass es extrem wichtig ist, nicht im Aberglauben und Standard-Denken gefangen zu sein – und in dem, was bisher für wahr gehalten worden ist – sondern stattdessen mit kritischem und kreativem Denken an alle Probleme heranzugehen, basierend auf wissenschaftlichen Prinzipien und Methoden.[xvii]

Also möchten wir in Bezug auf diese große Frage, auf die Frage des Gewinnens, wenn die Zeit dafür reif ist, mit Nachdruck den Artikel empfehlen, „Some Crucial Points of Revolutionary Orientation – in Opposition to Infantile Posturing and Distortions of Revolution“, der von der Methode Bob Avakians geleitet ist.

Schluss

Dies ist ein Abriss der neuen Synthese – eine erneuerte Vision von Revolution und Kommunismus, die auf eine radikal andere Gesellschaft und schließlich auf eine kommunistische Welt zielt, eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückungsverhältnisse zwischen den Menschen. Diese neue Synthese hat Revolution zurück auf die Bühne „ideologisiert“ und stellt objektiv, wie Avakian sagt, eine auf einer soliden wissenschaftlichen Grundlage stehenden Quelle der Hoffnung und des Wagemuts“ dar.[xviii]

Wir hier müssen die neue Synthese ernsthaft aufgreifen, uns mit ihr intensiv beschäftigen und sie zu einer machtvollen ideologischen und politischen Kraft zur Umgestaltung der Welt machen, während wir uns gleichzeitig und kontinuierlich mehr mit dem weitreichenden, reichhaltigen und sich stets entwickelndem Gesamtwerk sowie mit der Herangehensweise und den Methoden, die von Bob Avakian hervorgebracht werden, beschäftigen.

Ich möchte den Vortrag abschließen, indem ich aus der Endpassage des Buches Democracy: Can’t We Do Better Than That? vorlese, einer Passage in der ein Bild der kommunistischen Zukunft, für die wir kämpfen, gemalt wird:

„Heute ist es nur möglich darüber zu mutmaßen und davon zu träumen, welchen Ausdruck gesellschaftliche Widersprüche in einer zukünftigen kommunistischen Gesellschaft annehmen und wie sie gelöst werden. Wie wird das Problem angegangen, fortgeschrittene Produktivkräfte, die ein erhebliches Maß an Zentralisierung erfordern, mit Dezentralisierung und lokaler Initiative zu kombinieren (was auch immer ‚lokal’ dann bedeuten wird)? Wie wird das Aufziehen neuer Generationen von Menschen – was zurzeit in atomisierter Form und durch Unterdrückungsverhältnissen in der Familie durchgeführt wird – in der kommunistischen Gesellschaft angegangen? Wie wird die Entwicklung bestimmter Wissensbereiche oder die Konzentration auf bestimmte Projekte gehandhabt werden, ohne diese zum ‚Sonderressort’ von bestimmten Menschen zu machen? Wie wird mit dem Widerspruch umgegangen, einerseits die Menschen zu befähigen, allumfassende Fähigkeiten und Wissen zu erlangen und gleichzeitig den Bedarf an einer gewissen Spezialisierung zu decken? Was ist mit dem Verhältnis zwischen den individuellen Initiativen und persönlichen Neigungen der Menschen auf der einen Seite, und deren gesellschaftlichen Pflichten und Beiträgen auf der anderen Seite? Es scheint, als werde es immer der Fall sein, dass es rund um eine bestimmte Frage oder Kontroverse eine Gruppe geben wird – und zwar als eine allgemeine Regel zuerst eine Minderheit – die ein korrekteres, fortgeschrittenes Verständnis haben wird. Aber wie wird das zum Wohle aller genutzt werden, während gleichzeitig verhindert wird, dass sich Gruppen zu ‚Interessensgruppen’ verfestigen? Wie wird das Verhältnis zwischen unterschiedlichen Gegenden und Regionen aussehen – da es schließlich keine unterschiedlichen Länder mehr geben wird – und wie werden die Widersprüche zwischen dem, was möglicherweise ‚lokale Gemeinschaften’ genannt wird, und höherer Organisationsformen, bis hinauf zur Weltebene, aussehen? Was wird es konkret heißen, dass Menschen wahrhaftig Weltbürgerinnen und Weltbürger werden, insbesondere in Bezug darauf, wo sie leben, arbeiten usw. – werden sie von einer Gegend der Welt zur anderen ‚rotieren’? Wie wird die Frage der sprachlichen und kulturellen Vielfalt gegenüber einer Weltvereinigung der Menschheit behandelt werden? Und werden die Menschen dann, sogar mit all ihrem Verständnis der Geschichte, wirklich in der Lage sein zu glauben, dass eine Gesellschaft wie die, in der wir derzeit eingesperrt sind, je existierte – ganz davon zu schweigen, dass diese als ewig und als der Gipfel dessen, wozu die Menschheit fähig ist zu erreichen, erklärt wurde? Noch einmal, können diese und viele, viele weitere Fragen heute nur Objekt der Spekulation und des Träumens sein; aber nur diese Fragen zu stellen, und zu versuchen sich vorzustellen, wie sie angegangen werden könnten – in einer Gesellschaft, in der Klassenteilung, gesellschaftliche Antagonismen und politische Herrschaft nicht länger existieren – ist in sich selbst ungeheuer befreiend für alle, die kein persönliches Interesse an der gegenwärtigen Ordnung haben.“[xix]

Ist dies nicht eine Zukunft, die es wert ist, ihr dein Leben zu widmen?

Mach dir die neue Synthese zu eigen!

Beteilige dich an der Emanzipation der Menschheit!

 

Deutsche Übersetzung und Überarbeitung:

Revolutionäre Kommunisten (BRD)
Kontakt: RevKom.brd@googlemail.com
www.revkombrd.wordpress.com

ENDNOTEN:

[i] Sharon LaFraniere, „In Oil Rieh Angola, Cholera Preys Upon Poorest“, New York Times, 16.6.2008.

[ii] Anita Gradin (ehem. EU-Kommissarin) / Martina Vandenberg, „The Invisible Women“, The Moscow Times, 8. 10. 1997.

[iii] Quelle: Latin American Working Group.

[iv] Communism and Jeffersonian Democracy (Chicago: RCP Publications 2008) und über http://www.revcom.us erhätlich.

[v] Observations on Art and Culture, Science and Philosophy (Chicago: Insight Press 2005) und Marxism and the Call ofthe Future: Conversations on Ethics, History, and Politics (Chicago: Open Court Publishing / Carus Publishing 2005).

[vi] Conquer the World? The International Proletariat Must and Will erschien in der Zeitschrift Revolution (Nr. 50, Dezember 1981); Advancing the World Revolutionäry Movement: Questions of Strategie Orientation in der Zeitschrift Revolution (1984) und über http://www.revcom.us.

[vii] Making Revolution and Emancipating Humanity, erhältlich über www. revcom.us.

[viii] Karl Marx, Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1859.

[ix] Making Revolution and Emancipating Humanity, erhältlich über www. revcom.us.

[x] ebende

[xi] The Basis, The Goals and the Methods ofCommunist Revolution, erhältlich über http://www.revcom.us.

[xii] Making Revolution and Emancipating Humanity, erhältlich über www. revcom.us.

[xiii] “The Revolution We Are About Should Not Only Encompass But Welcome the Arundhati Roys of the World,” Revolution, #67, October 29, 2006 erhältlich über www. revcom.us.

[xiv] Making Revolution and Emancipating Humanity, erhältlich über www. revcom.us.

[xv] ebende

[xvi] ebende

[xvii] “On the Possibility of Revolution” erhältlich über www. revcom.us.

[xviii] Making Revolution and Emancipating Humanity, erhältlich über www. revcom.us.

[xix] Bob Avakian, Democracy: Can’t We Do Better Than That? (Chicago: Banner Press 1986), S. 266.

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